08.05.2007 - 09:01 | Quelle: dpa | Lesedauer: unter 8 Min.
Eintracht Frankfurt
 

Interview der Woche

Lange Jahre war Rudolf Köhler als einer von zwei von der Eintracht benannten Fanbeauftragten (gemeinsam mit Andreas Hornung), sowie von den offiziellen Eintracht-Fanclubs (EFCs) gewählter Fansprecher tätig. Im Frühjahr 2003 trat er von seinem Amt als Fansprecher zurück und konzentrierte sich daraufhin ausschließlich auf seinen ehrenamtlichen Job als Fanbeauftragter. Fanbeauftragte stellen die Schnittstelle zwischen der Fanszene und der Eintracht, aber auch zu den für die Sicherheit rund um das Stadion verantwortlichen Personen, dar.

Der 54jährige, der in der Szene "Rudi" genannt wird, war lange Jahre Vorsitzender des Eintracht Fanclubs Fürth / Odenwald. Er hat zwei Söhne, die beide auch aktive Eintrachtfans sind.

Rudolf Köhler, Gründungsmitglied der Fan- und Förderabteilung, befindet sich seit einigen Monaten im wohlverdienten Vorruhestand (zuvor leitete er ein Altenheim), was den Vorteil hat, dass er sich nun rund um die Uhr um die Belange der Eintrachtfans kümmern kann. Rudi ist zugleich der offizielle Behindertenbeauftragte der Eintracht.


Transfermarkt.de: Hallo Rudi, zum Einstieg eine eher privat orientierte Frage. Wie bist zu deiner "Leidenschaft" Eintracht Frankfurt gekommen?

Rudi Köhler: Infiziert wurde ich 1959 als meine Onkels das legendäre Endspiel gegen den Verein von der anderen Mainseite im Radio verfolgten. Das hat sich so bei mir eingegraben, dass es mich nicht mehr losgelassen hat. Damals war es als Landei nicht so einfach in das Stadion zu gehen und so dauerte es bis ca. 1970 bis ich anfing regelmäßig nach Frankfurt zu fahren. Ich war oft mit einem sehr guten Freund dort. Als der aber Mitte der 80er an Krebs starb, hatte ich für einige Jahre eine echte Blockade. 1992 bin ich dann Mitglied geworden und ab da an hatte ich immer eine Dauerkarte für mich und meine Kinder. 95 habe ich dann den EFC Fürth/Odw. mitbegegründet (250 Mitglieder) und dann ging alles ziemlich schnell. Fanbeirat, Wahl zum stellvertretenden Fansprecher und schließlich fragte mich Andreas Hornung ob ich Lust hätte stellvertretender Fanbeauftragter zu werden. Mittlerweile sind wir gleichberechtigte Kollegen.

Transfermarkt.de: Nach deinem Rücktritt als Fansprecher im Jahre 2003 bist als Fanbeauftragter des Vereines Eintracht Frankfurt tätig. Übst du dieses Amt ehrenamtlich oder mit einer Vergütung aus?

Rudi Köhler: Zunächst habe ich das ehrenamtlich gemacht. Da ich meine Firma 2001 verkauft habe, war ich nicht darauf angewiesen bezahlt zu werden. Die Arbeit ist allerdings immer mehr geworden und es gilt ja auch für die Zukunft eine „echte Stelle“ zu schaffen. So bin ich seit dieser Saison hauptamtlich, bezahlt tätig.

Transfermarkt.de: Was sind die tagtäglichen Probleme und Anliegen, die Fans dir vorbringen und wer sind deine Ansprechpartner?

Rudi Köhler: Die sind sehr vielfältig. Vom Autogrammwunsch bis zur Hilfe bei Stadionverboten - die ganze Palette. Für viele ist Eintracht Frankfurt ihr Leben und der Fanbeauftragte ist der, der ihnen bei Problemen am ehesten helfen kann. Ich sehe mich auch als Mittler zwischen den Fans und den Abteilungen der AG. Wir schaffen die Sensibilität für die Anliegen der Fans. Verantwortlich sind wir dem Vorstand und da insbesondere Heiko Beeck.

Transfermarkt.de: Die Eintracht-Fans galten lange Zeit als "Schwarze Schafe" unter den Fangruppierungen Deutschlands. Geldstrafen durch Feuerwerkskörper oder Wurfgeschosse waren nahezu an der Tageordnung. Wie erfolgte in deinen Augen der Wandel in der Fanszene?

Rudi Köhler: Wir haben die „Kurve“ an ihrer Ehre gepackt. Wenn die Jungs sagen, ihre ganze Liebe gelte dem Verein, dann muss ich alles was dem Verein schadet eben lassen. Die finden Pyros immer noch geil, verzichten aber darauf, weil bezahlte Strafen dem Verein schaden und dann natürlich auch das Geld im Budget für Fanarbeit fehlt. Es gilt da aber auch Kreativität zu fördern und Fans die Möglichkeit zu geben sich auszuleben. Choreografien, Fahnen, Banner und vieles mehr sind dann Ersatz. Den Jungs ist es wichtig die „mächtigste Kurve“ zu haben. Wenn dies immer mehr eingeschränkt wird, flippen Fans eben aus!

Transfermarkt.de: Neben dem Alltag, stehen sicherlich die Spieltage im Vordergrund. Was würdest du als typische Tätigkeiten an einen Heimspieltag aufzählen? (Tagesablauf)

Rudi Köhler: Heimspieltage sind heute eher langweilig – Gott sei Dank :-) Nee im Ernst, unsere Arbeit beginnt im Vorfeld, am Spieltag kannst du nicht mehr viel ändern. Trotzdem ist es wichtig an solchen Tagen anfassbar für Fans zu sein. Fragen zu beantworten und natürlich auch als Ansprechpartner für den Gastverein zur Verfügung zu stehen. Ganz nebenbei gibt es auch noch eine ganze Menge im Bereich Behindertenbetreuung zu tun. Auswärtsspiele sind da wesentlich arbeitsintensiver.

Transfermarkt.de: Dann lass uns gerade darauf zu sprechen kommen. In wie weit stellen Auswärtsspiele besondere Schwierigkeiten dar und wie ist die Zusammenarbeit mit den Fanbeauftragten der restlichen Bundesligavereine?

Rudi Köhler: In der 1. Bundesliga ist die Zusammenarbeit, bis auf wenige Ausnahmen, gut bis sehr gut. Mit den meisten Fanbeauftragten pflegt man ein freundschaftliches Verhältnis. Das große Problem ist oft der unsensible Umgang der Polizei mit Fans und die mangelnde Einbeziehung der Fanbeauftragten. Mit dem Ordnungsdienst hat sich das sehr verbessert. Die kennt man ja meistens über die Jahre und die wissen wie sie dich einschätzen können. Bei der Polizei ist das anders, das sind oft junge Beamte die im Umgang mit Fans leicht überziehen und dann schaukelt sich das hoch und führt zu Problemen.

Transfermarkt.de: Ein bei der SGE momentan sehr heiß diskutiertes Thema ist die "Karten-Problematik" (Begehrte Karten zu ausverkauften Spielen werden überteuert übers Internet versteigert, Anm. d. Autors). Welche Maßnahmen strebt ihr als Fanbetreuer an?

Rudi Köhler: Die Kartenvergabe läuft unter Einbeziehung der Fanbetreuung. Gerade bei Spielen wo es eng ist verfahren wir nach dem Schema – Dauerauswärtsfahrer, Dauerkarteninhaber. Das klappt in der Regel ganz gut. Was ebay angeht sind wir dran und haben diese Saison viel erreicht. Die Fanklubs sind sehr sensibel was das angeht, die Privatkunden haben inzwischen mehrheitlich begriffen es zu lassen und übrig bleiben die unbelehrbaren sowie die Schwarzhändler und gegen die gehen wir massiv vor. Wie die Maßnahmen aussehen lassen wir besser im Dunkeln sonst verlieren wir unseren Vorsprung.

Transfermarkt.de: In wie weit bist du in Entscheidungen der sportlichen Leitung und der Sicherheitsdienste, wie etwa die lange umstrittenen Tornetze in Frankfurt, eingespannt?

Rudi Köhler: In Entscheidungen der Sportlichen Leitung sind wir nicht direkt eingebunden. Die Fanbetreuung entscheidet nicht wen wir verpflichten  Allerdings sagen wir in kritischen Situationen schon was wir denken. Das aber intern. Bei allen anderen Entscheidungsprozessen ist die Fanbetreuung eng dabei. Als Mitarbeiter bist du ja sowieso eingebunden.

Transfermarkt.de: Ich möchte gerne vereinsübergreifend ausschweifen.
Wie beurteilst du, die sich in letzter Zeit häufenden Ausschreitungen im Amateurfußball? Droht dem deutschen Profi-Fußball ähnliches?

Rudi Köhler: Natürlich ist es richtig, dass einige zu den Amateuren ausgewichen sind. Da ist die Polizeipräsenz nicht so extrem und die Strafen nicht so hoch. Im Übrigen sind gerade im Osten viele Traditionsvereine in den unteren Ligen beheimatet. Ich würde das ganze aber nicht überdramatisieren. Es gab schon immer Problem im Fußballumfeld, mal mehr Mal weniger. Im Endeffekt haben wir hier auch ein Spiegelbild der Gesellschaft, das der Fußball nur schwer verändern kann.

Transfermarkt.de: Vor ein paar Jahren war die Faninitiative "Pro 15:30" in aller Munde und Stadionbanner weit verbreitet. Kannst du unseren Usern das Thema kurz anreißen und was daraus geworden ist?

Rudi Köhler: Letztlich ist es nicht gelungen die Veränderungen der Anstoßzeiten ganz zu verhindern. Andere Forderungen wie die Berücksichtigung der Entfernungen bei Auswärtsspielen an Freitagen und am Sonntag sind nur begrenzt von den Verantwortlichen aufgegriffen worden. Heute sind es ganz andere Problem die die Fans bewegen. Zerstörung von Fankultur und natürlich der Umgang mit der Stadionverbotspraxis sind heute die griffigen Themen. Sehr wichtig war bei der Initiative, dass es deutlich wurde, dass Fans in der Lage sind sich Vereinsübergreifend zu organisieren und damit auch in der Lage Veränderungen zu bewirken. Es gibt inzwischen Organisationsformen die weit über diese Initiative hinausgehen und auch Anerkennung bei den Verantwortlichen gefunden haben z.B „Die Kurve“

Transfermarkt.de: Ist die aktive Fanbetreuung seitens der Profi-Klubs in deinen Augen ausreichend oder noch ausbaubar? Welche Verbesserungsansätze sind dir besonders wichtig?

Rudi Köhler: Für das Thema „Fanbetreuung“ ist die Sensibilität bis in die DFL / DFB Spitze geweckt. Da wird es die nächsten Jahre viel Entwicklung geben. Fanbetreuung wird eine der wichtigsten Abteilungen in den Vereinen werden. Auch wenn das manche in der Kurve nicht gerne hören, Fanbetreuung hat eine ganze Menge mit Kundenbindung zu tun. Der Fan ist das höchste Gut der Vereine und will natürlich gehegt und gepflegt werden. Fans sind eben nicht nur die Ultras sondern letzten Endes alle Begeisterten, die regelmäßig in das Stadion gehen. Auch die, die sich das aus welchen Gründen auch immer, nicht regelmäßig leisten können dürfen wir nicht vergessen.


Transfermarkt.de: Ein oft vernachlässigtes Thema sind körperlich und geistig behinderte Fans im Stadion. Kannst du als zugleich Behindertenbeauftragter der Eintracht einen Einblick in deren spezielle Bedürfnisse geben?

Rudi Köhler: Durch die Modernisierung vieler Stadien ist hier in den letzten Jahren vieles zum Besseren gewendet worden. Wir haben 110 Rolliplätze mit exzellenter Sicht und guter Infrastruktur. Seit dieser Saison sind Plätze für Sehbehinderte mit Kommentierung dazu gekommen, die sehr gut angenommen werden. Leider ist es so, dass wir nicht alle Anfragen nach Karten befriedigen können. Aber das können wir auch bei den „normalen“ Kunden nicht. Ausverkauft ist eben ausverkauft. Ich werde versuchen in den nächsten Jahren die Selbstorganisation der behinderten Fußballfans zu fördern. Wir haben seit einigen Wochen einen Rollifanclub, da gibt es schon einige Ideen für die Zukunft. Beispielsweise – Kartentauschbörse, Organisation von Auswärtsfahrten ect. Behinderte Fans sind bei Eintracht Frankfurt gut aufgehoben!

Das Interview führte Patrick Meurer (Chancentod).

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Eintracht Frankfurt
Gesamtmarktwert:
346,35 Mio. €
Wettbewerb:
Bundesliga
Trainer:
Adi Hütter
Kadergröße:
30
Letzter Transfer:
Raphael Onyedika
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