Interview mit Reinhard Stumpf
Reinhard Stumpf war zuletzt als Co-Trainer von Erik Gerets bei Galatasaray Istanbul tätig. Über seine Erfahrungen in Deutschland und der Türkei und die Perspektiven seiner ehemaligen Vereine sprach er mit Christian Schwarz (xerxes).
Transfermarkt.de: Der Aufgabenbereich eines Co-Trainers hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Ehemals als „Hütchenaufsteller“ belächelt, ist ein Co-Trainer mittlerweile viel mehr als nur die rechte Hand des Cheftrainers. Geben Sie uns einen kleinen Einblick in Ihre tägliche Arbeit.
Reinhard Stumpf: Hütchenaufsteller? Falscher Eindruck! Meine Chefs haben in der Zeit wenn der Assistent mit der Mannschaft beschäftigt war, oft Hütchen aufgestellt um einen reibungslosen Übergang zum nächsten Trainingsteil zu ermöglichen. Die tägliche Arbeit beinhaltet z.B. Besprechung von Trainingsinhalten, leiten von Trainingsteilen, analysieren und beobachten und natürlich auch Hütchen aufstellen usw.
Transfermarkt.de: Der Trend in der Bundesliga und den internationalen Topligen geht mehr und mehr in die Richtung, größere Trainerteams zu installieren. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Reinhard Stumpf: Die Frage müsste lauten: Wie viele verschiedene Trainer braucht ein Cheftrainer um eine Mannschaft zu trainieren damit sich der Erfolg einstellt.
Viele Köche verderben den Brei.
Transfermarkt.de: Sie waren in den letzten 5 Jahren Co-Trainer von Erik Gerets beim 1. FC Kaiserslautern, VFL Wolfsburg und Galatasaray Istanbul. Nach dem Rücktritt von Gerets in der Türkei sind auch Sie momentan ohne Beschäftigung. Wie sieht Ihre nähere Zukunft aus? Ist sie an die von Erik Gerets gekoppelt? Ist es Ihr Ziel zukünftig auch wieder als Cheftrainer tätig zu sein oder sehen Sie Ihre Zukunft weiterhin im Hintergrund als Co-Trainer?
Reinhard Stumpf: Primär möchte ich als Cheftrainer fungieren und dabei ist es egal, ob in Deutschland oder im Ausland. Aber ich habe eine Option, falls mein alter Freund und Kollege Erik Gerets ein neues Angebot hat und mich fragt, ob ich mir vorstellen könnte mit Ihm zusammen diese Mannschaft zu trainieren, werde ich mir meine Gedanken darüber machen. Er ist mein erster Ansprechpartner.
Transfermarkt.de: Vor der Verpflichtung von Gerets waren Sie gemeinsam mit Andreas Brehme beim FC Kaiserslautern tätig – Brehme als Teammanager, Sie als Cheftrainer. Wie sieht die Aufgabenverteilung in solch einer Konstellation konkret aus?
Reinhard Stumpf: Eine unglückliche Konstellation, bezüglich der Verantwortlichkeit! Vertraglich waren oder sollten die Aufgaben aufgeteilt sein, in meinem Vertrag war ich verantwortlich für alle Trainingseinheiten in der Planung und Ausführung von Montag bis Sonntag, ich habe die Mannschaft nicht nur körperlich auf die Spiele vorbereitet, sondern auch in technischer und taktischer Hinsicht. Andreas Brehme war als Teammanager hauptverantwortlich für den Umgang mit den Medien und der Ansprache zur Mannschaft am Spieltag.
Transfermarkt.de: Bei Kaiserslautern wurde in den letzten Jahren häufig der Trainer gewechselt, nun soll mit Kjetil Rekdal, der bisher nur im Ausland tätig war, Konstanz auf dem Trainerstuhl einkehren. Welche Chancen und Risiken sehen Sie bei diesem Vorhaben?
Reinhard Stumpf: Eine große Möglichkeit für Kjetil Rekdal, bei einem der besten Vereine in Deutschland seine Karriere fortzusetzen. Für den Verein eine Chance mit einem jungen Trainer und einer jungen Mannschaft einen Weg in die Zukunft zu finden um den FCK dahin zu führen wo er hingehört. Risiken bestehen darin, wenn die Erwartungshaltung nicht der Zielsetzung entspricht und Veränderungen forciert werden.
Transfermarkt.de: Aus dem Gründungsmitglied der 1. Bundesliga wurde ein finanziell klammer Zweitligist. Nun soll mit Michael Schjönberg, Kjetil Rekdal und vielen jungen Spielern ein Neuanfang gestartet werden. Wie beurteilen Sie als Ex-Pfälzer die Entwicklung des Clubs seit ihrem Weggang?
Reinhard Stumpf: Das sollen andere beurteilen, ich wünsche allen Beteiligten viel Erfolg für die schwere Aufgabe.
Transfermarkt.de: Auch bei Ihrer zweiten Station als Co-Trainer, dem VFL Wolfsburg, steht mit Felix Magath ein neuer Trainer unter Vertrag. Was halten Sie vom Modell Wolfsburg, wo Magath als Trainer und Manager die alleinige Verantwortung im sportlichen Bereich trägt?
Reinhard Stumpf: Felix Magath hat in der Vergangenheit, beide Tätigkeiten ausgeübt und war erfolgreich, meiner Meinung nach wird es nur ein temporäres Modell sein.
Transfermarkt.de: Wolfsburg schaffte es in den vergangenen Jahren nicht, die eigenen hochgesteckten Ziele zu verwirklichen. Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz von Erwartungshaltung und Erreichtem beim VFL, an der auch Sie und Erik Gerets gescheitert sind.
Reinhard Stumpf: Danke für diese Frage, wir sind nicht an der Erwartungshaltung und nicht an dem Erreichten gescheitert, wir haben ohne große Transfergeschäfte vor der Saison eine Mannschaft geformt die in Wolfsburg bis dato Geschichte geschrieben hat. Wir waren einige Spieltage Bundesliga Spitzenreiter und haben eine sehr gute Vorrunde gespielt bis zu dem Zeitpunkt als der Verein eine wichtige Position mit einer verkehrten Personalie besetzt hat. Ab diesem Moment wurde alles was gut war und funktionierte, hinterfragt und verändert von diesem Entscheidungsträger. Schade!
Transfermarkt.de: Trauen Sie Felix Magath zu aus Wolfsburg in den kommenden Jahren ein Spitzenteam zu formen? Sind die nötigen Vorraussetzungen dazu in Wolfsburg gegeben?
Reinhard Stumpf: Die Voraussetzungen sind hervorragend in Wolfsburg was VW (Sponsor), Stadion und Trainingsbedingungen betrifft und mit Felix Magath (nach Erik Gertes ) haben sie nun auch einen sportlichen Leiter, der über genügend Erfahrung verfügt um dieses Unterfangen auch umzusetzen.
Transfermarkt.de: Ihr letztes Engagement hatten Sie bei Galatasaray Istanbul, wo Sie bereits als Spieler tätig waren. Welche Unterschiede konnten Sie in den vergangenen 2 Jahren zwischen den Trainingsbedingungen und –methoden in der Türkei und Deutschland feststellen?
Reinhard Stumpf: Es hat sich seit meiner Zeit als Spieler sehr viel zum positiven verändert, gerade im Bezug auf die Trainingsbedingungen ( Fußballfelder, Umkleidekabinen und Leistungsdiagnostik ) und der ärztlicher Versorgung. Die Methodik obliegt dem jeweiligen Trainer, der seine Philosophie dort ebenso verwirklichen kann wie in Deutschland.
Transfermarkt.de: Der türkische Fußball ist für seine enthusiastischen Fans und reißerischen Medien bekannt. Wie äußert sich das in der täglichen Arbeit als Trainer bei einem Spitzenclub?
Reinhard Stumpf: Der größte Unterschied liegt in der Berichterstattung. TV und Presse sind jeden Tag vor Ort und berichten von Spielern, Training und Aktuellem vom Verein.
Transfermarkt.de: In der Saison 2005/2006 wurden Sie mit Istanbul türkischer Meister und zogen in die Champions League. ein. Welche Erlebnisse verbinden Sie mit diesem Titelgewinn? Auf welche Weise zeigte sich die Euphorie der Fans?
Reinhard Stumpf: Der Titel ist nicht zu vergleichen mit den zwei Meisterschaften die ich als Spieler gewann, die Zeit hat vieles verändert auch im Verhalten der Fans. Zu meiner Zeit wurde eine Meisterschaft länger und intensiver von den Fans gefeiert als heute!
Das wohl intensivste Erlebnis war folgendes: Unser Spiel war abgepfiffen und wir hatten gewonnen, unser Gegner Fenerbahce kam gegen Denizlispor nicht über ein Unentschieden hinaus. Alle Spieler und Fans waren am feiern bis wir die Nachricht erhielten das Spiel in Denizli ist noch nicht fertig. Mit einem Siegtreffer von Fenerbahce wären wir nur Vize. Nun begann das Warten auf den Abpfiff von diesem Spiel und das Unglaubliche nahm seinen Lauf. Als wir zum ersten Mal hörten, dass der Gegner noch spielt war unser Spiel schon 5 Minuten fertig und es kamen noch mal 10 unendliche Minuten dazu. 15 lange Minuten verharre ich auf dem Rasen, den Körper voll mit Adrenalin, Emotionen und Gedanken in allen Varianten kurz vor dem Ausbruch, gehalten von einem Damm der Ungewissheit und Angst. Und dann passiert es, der Abpfiff ertönt, über ganz Istanbul das Geschrei von Millionen von Galatasaray- Anhänger und alle Dämme brechen.
Nun kann ich mir vorstellen, wie ganz Schalke sich fühlte nach der verpassten Meisterschaft.
Transfermarkt.de: In UEFA Cup und Champions League waren die türkischen Clubs in den letzten Jahren wenig erfolgreich. Auch Sie scheiterten letzte Saison in der Vorrunde der Champions League mit nur 4 Punkten. Wo siedeln sie das Niveau der türkischen SüperLig im internationalen Vergleich an?
Reinhard Stumpf: Ähnliche Voraussetzungen wie zuvor in Wolfsburg. Nach der Meisterschaft hat der Verein nicht in die Mannschaft investiert und dadurch das erfolgreich sein in der Champions League in Frage gestellt. Obwohl wir mit dem PSV Eindhoven und Liverpool einen Halbfinalisten sowie Finalisten in der Gruppe hatten, waren unsere Spiele auf gutem Niveau, aber nicht erfolgreich. Es fehlte auch ein wenig das Glück im Abschluss, um international fehlende Qualität zu kompensieren. Türkische Mannschaften wie Galatasaray, Fenerbahce und Besiktas werden international eine gute Rolle spielen, wenn es möglich ist gute ausländische Spieler zu kaufen und in die Mannschaften zu integrieren.
Das Interview führte Christian Schwarz (xerxes)
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- Geb./Alter:
- 26.11.1961 (64)
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- Vereinslos
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- Leiter der Nachwuchsabteilung





