Interview mit Tom Starke
Torwart Tom Starke wechselte vor der Saison vom Zweitligisten SC Paderborn zum Bundesliga-Aufsteiger MSV Duisburg. Christoph Mulitze (flingern-zebra) sprach mit ihm über den schlechten Stil von Uli Hoeneß, Konkurrenzkampf um den Platz zwischen den Pfosten und Freundschaft unter Torhütern.
Transfermarkt.de: Herr Starke, Sie haben vor der Saison ein schweres Erbe angetreten: Georg Koch, ihr Vorgänger, war Publikumsliebling beim MSV Duisburg. Nun stehen Sie zwischen den Pfosten. Fühlen Sie sich von den Fans angenommen?
Tom Starke: Ich kann nicht meckern, die Fans haben mich freundlich empfangen. Auch wenn klar ist, dass ich es bei einem so großen Fanpotenzial wie in Duisburg natürlich nicht jedem Recht machen kann.
Transfermarkt.de: Beim ersten Heimspiel gegen Wolfsburg gab es auf den Rängen Georg-Koch-Rufe nach dem dritten Gegentor. Wie fühlten Sie sich in dieser Situation?
Tom Starke: Ich bin auf dem Platz so konzentriert und aufs Spiel fokussiert, dass ich von außen wenig wahrnehme. Die Rufe, die ja wohl auch nur vereinzelt kamen, habe ich deshalb nicht gehört. Aber ich wurde nach dem Spiel direkt drauf angesprochen.
Transfermarkt.de: Und wie war Ihre Reaktion?
Tom Starke: Ich muss zugeben, ich fand es traurig. Diese Leute schaden damit dem Ansehen des Vereins, sie schaden der Mannschaft, und sie schaden letztlich mir. Warum machen sie das, was wollen sie damit erreichen?
Transfermarkt.de: Da fragen Sie den Falschen. Ich weiß es auch nicht. Allerdings stehen nach meiner Beobachtung 95 Prozent Zuschauer hinter Ihnen.
Tom Starke: Das weiß ich, das merke ich ja auch. Trotzdem wird es unter so vielen Zuschauer immer welche geben, denen mein Auftreten oder mein Gesicht nicht passt. So ist das eben. Ich bin charakterlich sicherlich ein anderer Typ als mein Vorgänger – und werde mich nicht verbiegen, um möglichst allen zu gefallen. Ich bin, wie ich bin, und versuche immer, meine Leistung zu zeigen. Ich denke, da kann man mir bisher nicht viel vorwerfen, die ist in Ordnung.
Transfermarkt.de: Gab es vor Ihrem Wechsel zum MSV noch andere Angebote von Erstligisten?
Tom Starke: Ja. Namen nenne ich aber nicht.
Transfermarkt.de: Was hat den Ausschlag für Duisburg gegeben?
Tom Starke: Das Umfeld und die völlig offene Torwartsituation mit der reellen Chance, die Nummer eins zu werden.
Transfermarkt.de: Haben Sie sich über Ihre beiden Konkurrenten informiert, ehe sie den Vertrag unterschrieben haben?
Tom Starke: Ja, das ist üblich, dass man über seinen Berater Informationen einholt.
Transfermarkt.de: Hätten Sie es akzeptiert, wenn Bommer Sie nur zur Nummer zwei gemacht hätte?
Tom Starke: Ich hätte es respektiert.
Transfermarkt.de: Nun hat es Herzog erwischt, er muss mit der Bank vorlieb nehmen. Wie ist Ihr Verhältnis zu ihm?
Tom Starke: Gut. Ich halte Herzog für einen ehrlichen, aufrichtigen Mann.
Transfermarkt.de: Wie geht es ihm denn mit seiner Rolle? Eigentlich wollte er sich als Bundesligatorwart für die Schweizer Nationalmannschaft empfehlen und im eigenen Land bei der Europameisterschaft dabei sein.
Tom Starke: Das kann ich nicht sagen. So innig ist nach drei Monaten Zusammenarbeit unser Verhältnis noch nicht, dass wir uns einander so sehr öffnen.
Transfermarkt.de: Von zwei Torhütern kann bekanntlich immer nur einer spielen. Ist es trotzdem möglich, eine tiefe Freundschaft zu einem Mitspieler aufzubauen, der gleichzeitig direkter Konkurrent ist?
Tom Starke: Klar geht das. Lukas Kruse zum Beispiel war mein Ersatz in Paderborn – und ist für mich trotzdem ein sehr guter Freund.
Transfermarkt.de: Wann kann das klappen, wie müssen beide gestrickt sein?
Tom Starke: Sie müssen offen miteinander umgehen, sportliche und private Belange trennen können. Manche haben ein Problem damit, es ist auch nicht einfach. Denn du bist als Torwart ein Egoist. Du willst spielen. Der Wettbewerb um den Platz im Tor darf dabei aber nur sportlich gesehen und ausgetragen werden.
Transfermarkt.de: Haben Sie da auch schon schlechte Erfahrungen gemacht?
Tom Starke: Natürlich. Torhüter, die über die Medien gehen. Oder – schlimmer noch – hinter deinem Rücken Unsinn erzählen.
Transfermarkt.de: Nennen Sie doch mal Namen.
Tom Starke: Nein, ich wasche keine schmutzige Wäsche. Was ich betonen will: Weder Herzog noch Beuckert werden diesen Weg gehen, weil sie charakterlich in Ordnung sind. Herzog wird natürlich enttäuscht sein, weil auch er mit anderen Erwartungen nach Duisburg gekommen ist. Er sollte sein Ziel nicht aus den Augen verlieren, sondern durch sportliche Leistung Druck auf mich ausüben. Konkurrenz belebt das Geschäft, davon profitieren wir alle.
Transfermarkt.de: Wo sehen Sie Ihre Stärken, wo Ihre Schwächen?
Tom Starke: Niemand kann sich von Schwächen freisprechen. Ich werden einen Teufel tun und darüber reden. Das sollen andere tun. Ich kenne meine Schwächen und arbeite an ihnen.
Transfermarkt.de: Und die Stärken?
Tom Starke: Die liegen sicherlich unter anderem auf der Linie. Ich habe ganz ordentliche Reflexe. Aber auch da versuche ich, noch besser zu werden. Ich denke, auch im Spielerischen bin ich schon recht gut.
Transfermarkt.de: Was unterscheidet das Torwarttraining in Duisburg vom Torwarttraining in Leverkusen, einer der besten Torwartschulen Deutschlands?
Tom Starke: Schwer zu sagen. Ich bin erst recht kurz in Duisburg, war fast sieben Jahre in Leverkusen und habe dort mehrere Torwarttrainer erlebt: Werner Friese, Toni Schumacher und Rüdiger Vollborn. Torhüter haben besondere Charaktere, da kannst du von jedem etwas anderes lernen: Zum Beispiel von Schumacher die Explosivität und die Ausstrahlung, von Vollborn die Technik. Manni Gloger, unser Torwarttrainer in Duisburg, hat zwar selbst nie in den beiden oberen Ligen gespielt, ist aber voll auf der Höhe der Zeit. Sein Training hat Hand und Fuß. Er bildet sich viel weiter, im Moment in der italienischen Torwartlehre, die ich für sehr interessant und neben der deutschen für die beste der Welt halte.
Transfermarkt.de: Wodurch zeichnet sich die italienische Torwartlehre aus?
Tom Starke: Charakteristisch ist, dass der Torhüter ähnlich wie ein Libero hinter der Abwehrkette agiert und Spielzüge mit eröffnet.
Transfermarkt.de: Verfolgen Sie noch die Entwicklung in Paderborn und bei den anderen ehemaligen Vereinen? Woran liegt der sportliche Niedergang der Paderborner Ihrer Meinung nach?
Tom Starke: Primär würde ich als Grund das Verletzungspech nennen. Mit Boskovic, Damjanovic und Müller fallen drei Mittelstürmer aus. Hinzuzählen muss man eigentlich auch Lechleitner, dessen Wechsel so gut wie sicher war, so dass das Augenmerk auf andere Stürmer verringert wurde. Als der Transfer überraschend scheiterte, stand Paderborn ohne Alternative da. Insgesamt war die Qualität der Neuzugänge okay und hat die Mannschaft sicher nicht verschlechtert. Aber wenn das Geld fehlt und du nicht in die Breite, sondern nur in die Spitze investieren kannst, treffen dich Verletzungen umso härter.
Transfermarkt.de: Warum haben Sie sich in Leverkusen eigentlich nicht durchsetzen können?
Tom Starke: Mir hat das Glück gefehlt, das Rene Adler gehabt hat. Ich habe jahrelang hinter Butt auf der Bank gesessen. In dieser Zeit ist er nicht einmal ausgefallen. Als Ersatztorwart hoffst du auf solche Dinge. Natürlich nicht, dass sich jemand schwer verletzt, aber dass du mal eine Chance bekommst zu spielen. Vielleicht hat mir auch die Erfahrung und die Frechheit gefehlt, um einfach mal gewisse Dinge einzufordern. Das ist leichter gesagt als getan: Ich war den Leverkusener dankbar, weil sie in einer sehr schwierigen Zeit zu mir gestanden haben. Von daher war der Wechsel nach Paderborn der richtige Schritt, um etwas Neues zu beginnen.
Transfermarkt.de: Erinnern Sie sich an den 13. März 2004?
Tom Starke (überlegt): Nein.
Transfermarkt.de: An diesem Tag haben Sie Ihr erstes Bundesligaspiel bestritten: für den HSV gegen Hertha. Es wurde Ihnen anschließend ein sehr gutes Debüt bescheinigt. Trotzdem erinnern sich fast alle nur noch an den 1. Mai 2004, den wohl schwärzesten Tag Ihrer Karriere: Die 0:6-Niederlage mit Hamburg in Bremen. Geistert Ihnen das Spiel noch irgendwo im Hinterkopf herum?
Tom Starke: Nein, das ist abgehakt. Hätten Sie mich das in einem Zeitraum bis etwa ein Jahr nach dem Spiel gefragt, wäre die Antwort ehrlicherweise eine andere gewesen.
Transfermarkt.de: Sie waren damals 23 Jahre alt. Wie sehen Sie das heute?
Tom Starke: Das wurde ich in den vergangenen Tagen von Journalisten öfter gefragt. Meine Antwort: Warum habt ihr mich das damals nicht gefragt? – Natürlich hatte ich mich geärgert. Über mich, über die Mannschaft, aber auch über andere: Es war erstens ein schlechter Stil von Uli Hoeneß, sich so abfällig über einen jungen Spieler zu äußern. Das zweite war die Feigheit der Verantwortlichen beim HSV, sich nicht vor ihren unerfahrenen Torwart zu stellen und ihn zu schützen, weil er vielleicht gar nicht so viel dafür konnte. Bei diesem Spiel hatte das Team kollektiv versagt.
Transfermarkt.de: Haben Sie hinterher mal mit Hoeneß gesprochen.
Tom Starke: Nein. Das habe ich auch nicht vor.
Transfermarkt.de: Aber Sie freuen sich sicher ganz besonders auf das Spiel bei Bayern München Anfang Dezember ...
Tom Starke: Ach was, ich bin nicht nachtragend.
Transfermarkt.de: Wie verarbeitet man als junger Torwart so ein Erlebnis? Haben Sie, vielleicht auch nur am selben Abend, ans Aufhören gedacht, weil ganz Deutschland Sie verhöhnt hat?
Tom Starke: Um Gottes willen, nein, auf gar keinen Fall! Damals war ich sauer, dass man mir keine Rückendeckung gegeben hat. Im ersten Spiel gegen Hertha hatte ich doch bewiesen, dass ich es kann. Das nötige Selbstbewusstsein, um aus dem Loch wieder raus zu kommen, war bei mir vorhanden. Bayer Leverkusen und vor allem meine Familie und meine Freunde haben fest zu mir gestanden.
Transfermarkt.de: Hat Sie dieses Spiel in Ihrer Karriere zurückgeworfen?
Tom Starke: Keine Ahnung. Ich war nur für ein halbes Jahr nach Hamburg ausgeliehen, deshalb stand meine Rückkehr nach Leverkusen als Ersatzmann für Butt von vornherein fest.
Transfermarkt.de: War denn das Spiel gegen den HSV vor einer Woche etwas Besonderes für Sie?
Tom Starke: Nein. Ich habe ein halbes Jahr in Hamburg gespielt und bis auf diesen einen Tag viel Positives dort erlebt. Etwas Besonderes war das Spiel nur, weil der HSV in dieser Saison eine Spitzenmannschaft ist und das Stadion erneut rappelvoll war.
Transfermarkt.de: Warum läuft es nach den anfänglichen Erfolgen gegen den BVB und Bielefeld derzeit nicht rund beim MSV? Die ganzen Verletzungen mal außer acht gelassen: Fast jeder Spieler ist kaum noch in der Lage, die Leistung vom ersten Spiel in Dortmund abzurufen.
Tom Starke: Das sehe ich anders. Wir waren in keinem Spiel hoffnungslos unterlegen. Keines der bisherigen Spiele mussten wir zwingend verlieren. Außer das in Rostock, den Schuh müssen wir uns anziehen, da haben wir alle richtig schlecht gespielt. Dass das gerade gegen einen direkten Konkurrenten war, tut doppelt weh.
Transfermarkt.de: Sie kennen Roque Junior noch aus gemeinsamen Zeiten in Leverkusen. Sind Sie mit seiner Verpflichtung – als ein neuer Bestandteil Ihrer Abwehrkette – zufrieden?
Tom Starke: Ich habe eine sehr hohe Meinung von ihm. Wenn Roque fit ist, wird er uns definitiv helfen. Er ist ein Top-Mann.
Transfermarkt.de: Wurden Sie von der sportlichen Leitung des MSV als ehemaliger Mitspieler gefragt, was Sie über Roque Junior denken?
Tom Starke: Vor der Verpflichtung nicht. Hinterher wollten schon einige wissen, wie er denn so ist und ob er uns weiterbringt.
Transfermarkt.de: Wie war das Mannschaftsklima nach der Niederlagenserie?
Tom Starke: Von angeblich zwischenmenschlichen Problemen im Kader hatte ich vor der Saison gehört. Doch ich habe schon nach zwei, drei Wochen gemerkt, dass das nicht stimmt. Auch in der Phase mit den fünf Niederlagen in Folge war das Klima in Ordnung. Das ist auch die Voraussetzung dafür, dass wir unten wieder rauskommen werden.
Transfermarkt.de: Wie sehen Sie das Entwicklungspotenzial der Mannschaft?
Tom Starke: Luft nach oben haben wir alle. Im Team stehen zahlreiche Spieler, die ihr Potenzial aus unterschiedlichen Gründen noch nicht abgerufen haben.
Transfermarkt.de: An welchen Spieler denken Sie da besonders?
Tom Starke: Ich könnte einige nennen, aber wenn du dir zum Beispiel den bulgarischen Nationalspieler Georgiev anschaust, wie der den Ball behandelt – das ist zum Zungeschnalzen. Er wird uns noch viel Freude bereiten.
Transfermarkt.de: Rensing, Adler, Neuer – das ist die neue Torwart-Generation. Wie beurteilen Sie die Jungs? Und warum zeigten sie gerade jüngst alle innerhalb einer Woche Schwächen?
Tom Starke: Die Häufung ist wahrscheinlich nur ein Zufall. Kaum ein Torwart schafft es, fehlerfrei durch eine ganze Saison zu kommen. Das liegt in der Natur der Sache, kein Mensch ist unfehlbar. Man sollte die Jungs in Ruhe arbeiten lassen und nicht zu sehr hoch jubeln. Damit wäre ihnen am meisten gedient.
Transfermarkt.de: Wie sind Sie eigentlich Torwart geworden? Haben die anderen Kinder Sie ins Tor gesteckt?
Tom Starke: Mein Vater war Handballtrainer, deshalb habe ich als kleines Kind mit Handball anfangen. Ich bin dann allerdings früh zum Fußball gewechselt, und weil ich als ehemaliger Handballer den Ball am besten fangen konnte, habe ich von Beginn an im Tor gestanden.
Transfermarkt.de: Wer war Ihr Torwart-Vorbild in der Jugend?
Tom Starke: Das war die DDR-Torwartlegende Rene Müller.
Transfermarkt.de: Was sind Ihre mittelfristigen Ziele?
Tom Starke: Der MSV hat mir die Möglichkeit gegeben, mich in der Bundesliga zu behaupten. Das ist nicht selbstverständlich. Dafür bin ich sehr dankbar und möchte meinen Teil zum Klassenerhalt beitragen. Dann bin ich noch mindestens zwei Jahre hier, und ich möchte gerne dabei helfen, den Verein in der Bundesliga zu etablieren.
Transfermarkt.de: Vielen Dank, Tom Starke, für das ausführliche Gespräch und alles Gute für die Zukunft.
Das komplette Interview mit einem Fragebogen und Steckbrief finden Sie im MSV-Forum.
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- 18.03.1981 (45)
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