Das Jahrzehnt der Finsternis: Eure Gründe
Ok, ok, der Titel ist sehr melodramatisch. Aber ihr sollt ja auch klicken….
Worum geht es in diesem Thread?
Es gibt ja nun schon einige Threads, die sich mit der Zukunft der N11 beschäftigen und wie man wieder besser werden könnte. Dieser Thread hier soll sich mit der Vergangenheit beschäftigen.
Die N11 befindet sich gerade ergebnistechnisch in der längsten Durstrecke – zumindest seit es WMs und EMs gibt, das letzte Halbfinale bei einem großen Turnier (exclusive NL und Confed-Cup) erreichte man 2016. Das Verrückte: dieser von mir jetzt mal Jahrzehnt der Finsternis genannte Zeitraum schloss sich nahtlos an die eine echte Erfolgsära an: 6 ununterbrochene Halbfinalteilnahmen zwischen 2006 und 2016 (Rekord), 4 Halbfinalteilnahmen bei WMs in Folge (2002-2014) – Weltrekord!
Was also ging schief, was sind die Gründe für diesen nahtlosen drastischen Umschwung? Das soll in diesem Thread diskutiert werden.
Dazu werde ich zunächst die Phasen seit 2016 einzeln in Erinnerung rufen und rekapitulieren (da vieles wahrscheinlich in Vergessenheit geraten ist).
Sollte ich da irgendwas vergessen oder falsch in Erinnerung haben oder eurer Meinung nach auch nur falsch bewerten: korrigiert und ergänzt mich gerne. Am Ende werde ich dann versuchen meine Hauptgründe für das Scheitern des letzten Jahrzehnts herauszufiltern – in der Hoffnung, dass ihr dann eure Gründe darlegt – und vielleicht sogar aus unseren Erkenntnissen Lösungsmöglichkeiten herleiten könnt.
Phase 1: Fast ein Rekord, der letzte Titel und erste Risse (2016-2018)
Nach der EM folgte eine Phase von 22 ungeschlagenen Spielen (die zweitlängste Serie der DFB-Geschichte) und ich bin ehrlich, nach dem 1-1 gegen Spanien war ich überzeugt, dass beide Teams bei der WM das Halbfinale erreichen werden. Was also ging schief?
Zunächst einmal gewann man mit der B-Elf den Confed-Cup und im Nachhinein scheint ein Grund für alles, was folgte, in diesem Sieg zu liegen. Eine neue Generation an Spielern zog aus diesem Titel Ansprüche (z.B. der damals sehr gut spielende Goretzka) und sie erhielten in den Spielen auch durchaus Spielzeit. Aber dennoch wurden sie eben nur als Platzhalter gesehen und betrachtet man dann die WM, waren sie das auch und die noch vorhandenen Weltmeister blieben für Löw, wie es aussieht, unverhandelbare Stammspieler.
Für Außenstehende war das zunächst nicht erkennbar, aber man bekam einen ersten Blick auf das Problem bei Kroos´ legendärem Interview nach der Serie beendenden Niederlage gegen Brasilien, als er feststellte, dass in der auf sieben Positionen (im Vergleich zum Spanien-Spiel) geänderten Mannschaft viele „ihre Chance nicht genutzt“ hätten. Vor allem die Newcomer durften sich da natürlich angesprochen fühlen.
Es war das letzte Spiel vor der direkten Vorbereitung und das Interview setzte den Ton zwischen Platzhirschen und Newcomern. Und die bekamen in der Vorbereitung auf die Mütze. Sané wurde überraschend aussortiert (damals war das wirklich unglaublich), Wagner hatte das Nachsehen und die mMn fragwürdigste Entscheidung: MAtS musste den Platz räumen für einen Spieler, der ein Jahr lang verletzt gewesen war, keinerlei Leistungsnachweis zeigen musste und seit der EM 2016 lediglich drei Länderspiele (3x WM-Quali 2016) bestritten hatte.
Phase 2: Der Ur-Super-GAU: Die WM 2018
Zu den oben genannten Problemen gesellten sich politische Probleme: Der Ehrenspielführer des DFB, Lothar Matthäus, hatte ein Foto mit Wladimir Putin machen lassen, welches natürlich nun das Hauptthema war. Nein, war Spaß, das Foto des Özil/Gündogan-Kritikers gab es zwar, aber selbstverständlich war das nur ein Randaspekt. Es dominierte die allseits bekannte Özil/Gündogan-Thematik.
Die Ergebnisse sind bekannt. Man startete mit allen sieben möglichen Weltmeistern gegen Mexico und schonte (!) Marco Reus für den weiteren Turnierverlauf. Toni Kroos (später Fußballer des Jahres 2018) hatte beim Gegentor keine Lust zu sprinten (allerdings machte bis auf Özil eigentlich niemand groß Anstalten, den Konter zu unterbinden) und viel Ballbesitz führte zu wenig Chancen. Im zweiten Spiel gab es dann einen Nervensieg gegen Schweden und es war klar, dass man mit einem 2-0 (je nach Parallelspiel reichte auch ein einfacher Sieg) auf jeden Fall noch weiterkommen würde.
Im entscheidenden Spiel gegen Südkorea tauchte dann plötzlich Confed-Cup-Gewinner Goretzka in der Startelf auf (nominell Rechtsaußen, aber fragt mich nicht, was es tatsächlich war und warum man ausgerechnet in diesem Spiel auf einen echten Offensiven zugunsten Goretzkas verzichtete).
Man vergab seine Chancen, kassierte späte Gegentore und schied aus. Der Ur-Super-GAU dieses Jahrzehnts. Nach dem Turnier wurde das sehr viel realistischere (und bis heute verwendete ELO-System in der Weltrangliste eingeführt und das deutsche Team bekam auch dort die nackte Wahrheit vermittelt: Absturz von Platz auf Platz.
Von den Weltmeistern erklärten nur Özil und Khedira ihren Rücktritt, das reichte der Öffentlichkeit, die Sündenböcke unter den Spielern waren gefunden.
Auch Löw blieb (DAS wiederum war extremst umstritten), trotz der Probleme in der Mannschaft (Jung gegen Alt), trotz der arroganten (Reus) und später dann leicht panisch wirkenden Aufstellungen.
Phase 3: Schuld und Sühne (NL 2018)
Bis auf die Zurückgetretenen nahm Löw nahezu alle Spieler mit in die neugeschaffene Nations League. Ich habe das damals durchaus verstanden, da man schon auch eine gewisse Resthoffnung haben durfte, dass die WM ein spektakulärer Ausrutscher war, die Mannschaft aber mit einigen Nachjustierungen durchaus konkurrenzfähig sein sollte. Nach zwei Siegen in Freundschaftsspielen und vier sieglosen Spielen gegen FRA und NED (auch wenn nicht alles schlecht war) war aber klar, dass das Problem doch tiefer lag, die Stimmen, die Löws Ablösung forderten, mehrten sich.
Der trat die Flucht nach vorne an und goss die Erkenntnisse und Probleme des letzten Dreivierteljahres in eine Neuausrichtung des Kaders: Boateng, Hummels und Müller wurden in der Winterpause 2018/19 aussortiert.
Für mich damals die richtige Entscheidung. Die Mannschaft hatte ihre zweite Chance erhalten und gezeigt, dass sie sich überlebt hatte und mit der Entscheidung hatte man auch den Jung gegen Alt-Konflikt entschieden und Platz geschaffen für ein neues Gerippe. Dennoch hatte man schon damals das Gefühl, dass auch gewisse Kreise der Medien nur darauf warteten, die abgesägten Spieler wieder zurückschreiben zu können.
Phase 4: Neue Spielidee (2019 EM-Quali)
In den Spielen des Jahres 2019 (Testspiele und EM-Quali) konnte man erkennen, dass Löw den Spiel neu justieren wollte. Das Klein-klein wurde deutlich zurückgeschraubt, für die Balance wurde jetzt ein dritter ZM oder auch mal eine Dreierkette zur Dauerlösung und vorne wollte man auf Tempo setzen, indem man Mischungen aus Reus-Sané-Werner-Gnabry installierte (bis zu Sanés Verletzung). Es begann gut mit einem Sieg in den Niederlanden, das Rückspiel war dann eher ein Rückschlag, aber insgesamt konnte man einen Paradigmenwechsel erkennen und auch eine Weiterentwicklung. Das 6-1 zum Jahresabschluss gegen Nordirland war ein positiver Schlusspunkt, der massiv in die richtige Richtung im Hinblick auf die EM zeigte, auch wenn manche personelle Entscheidungen immer noch experimentell anmuteten (Goretzkas Rolle in einigen Spielen z.B.). Und obwohl Löw mit dieser Neuausrichtung durchaus Lernbereitschaft gezeigt hatte, wurde das nur in Teilen anerkannt. Angesichts der soliden bis guten Leistungen hielt man sich mit den Forderungen nach Rückholaktionen aber noch weitgehend zurück.
Phase 5: Coronaspiele und das Ende vom Ende des Endes (2020; NL 2020)
Es folgte die unwirkliche Phase der Pandemie. Die N11 wurde auf Eis gelegt, parallel pflügte der FC Bayern durch Europa und war der heißeste Schei** auf dem Kontinent – und mit ihm seine (Ex)Nationalspieler.
Man mag mir widersprechen, aber das beendete letztlich die Hoffnungen, dass man das klägliche Ende der „Generation 2014“ von 2018 für beendet hätte erklären können.
Zunächst einmal bedeutete das, dass man zwischen dem 3.9. und 17.11. acht Länderspiele absolvieren musste (NL und Tests). Am Ende des Jahres stand eine Bilanz von 3-4-1, was nicht gut aber auch nicht katastrophal war und angesichts der Umstände eigentlich weit weniger dramatisch hätte eingeordnet werden sollen, als man es tat.
Aber der Reihe nach.
Da der Spielplan vollgestopft war und Löw nach 2018 nicht mehr mächtig/stark genug war den Vereinen die Stirn zu bieten, ließ man sich auf einen Kompromiss ein, der besagte, dass von jedem Verein nur eine gewisse (gleiche) Zahl an Spielern für die N11 nominiert werden durfte.
Es folgten wilde Spiele (zwei Mal gab man den Sieg in der Schlussminute ab) und noch wildere Aufstellungen, man wechselte munter zwischen Dreierkette und Viererkette (je nachdem, wen man bei der Proporznominierung zur Verfügung hatte) und das alles gipfelte dann in jenem Spiel, dass Löw endgültig über die Kante schubste: dem 0-6 gegen Spanien. Jedem, der das nicht mehr auf dem Schirm hatte, empfehle ich einen Blick auf die Bank der nicht eingewechselten Spieler.
Realistisch hätte man auch medial sagen müssen: Schwamm drüber, wir haben hier das Interesse der Vereine priorisiert, also sollte man die Ergebnisse und die Spiele auch mit einer gewissen Milde beurteilen. Meiner Erinnerung nach, gab es jedoch (auch jenseits des Spanienspiels) keinen Corona-Nominierungs-Rabatt, sondern man tat einfach so, als sei das, was da die acht Spiele runterreißen musste, wirklich DIE N11.
Und das wichtigste Thema: wann kommen endlich Hummels, Boateng und vor allem Müller zurückfordern, denn ohne sie klappt es ja nicht.
Wie gesagt ich empfand das als unfair und nicht nur das. Es war mutwillig widersinnig, einen Bayernspieler zu fordern und sich über dessen Nichtberücksichtigung zu ärgern, in einer Zeit, in der sowieso die meisten Bayernspieler aufgrund des Coronaproporzes gar nicht nominiert wurde. Aber es ging vordergründig mMn nur noch darum Löw loszuwerden.
Noch vor den nächsten Länderspielen im Jahr 2021 erklärte Löw, dass er nach der EM zurücktreten werde.
Phase 6: Eine Niederlage zu viel und Rückholaktionen (Frühjahr 2021; Beginn WM-Quali)
Dennoch blieb Löw zunächst bei seiner Entscheidung, die Aussortierten aussortiert zu lassen.
Doch nach zwei guten Siegen in der WM-Quali (ein 3-0 gegen Island ein Auswärtssieg beim potenziell stärksten Gegner Rumänien) sorgte eine Niederlage gegen Nordmazedonien dafür, dass Hummels und Müller wieder zurück durften. Es war ein Freak-Spiel, das man niemals hätte verlieren dürfen, aber wie schon mehrfach erwähnt, die Lame Duck Löw musste nachgeben.
Und so versuchte man sich an der Quadratur des Kreises. Hummels ist über die Jahre nochmals langsamer geworden und Müller funktioniert eigentlich nur noch zentral hinter einem (Weltklasse)Mittelstürmer. Das scheitert schon daran, dass man einen solchen im eigentlichen Sinne nicht hat (Volland, Werner). Zudem ist der Fixpunkt im MF Toni Kroos, der in der 21er-Version wenig Defensivdenken mitbringt und in einem Dreier-MF eigentlich am besten aufgehoben ist (dann allerdings mit einem echten 6er, den gibt es im Kader nur bedingt). Außerdem sollte man Gündogan und Kimmich noch unterbringen und wenn der zu Beginn des Turniers verletzte Goretzka auch noch seine Minuten bekäme, wäre das auch schön.
Es darf sich jeder gerne den Kader von 2021 zur Brust nehmen und versuchen, all die von mir genannten Voraussetzungen zu erfüllen. Schwierig.
Phase 7: Nicht Fisch nicht Fleisch (EM 2021)
Am Ende spielte man ohne echten 6er, aber mit Dreierkette (um Hummels Langsamkeit und Kroos´ Zweikampfschwäche zu kaschieren), Kimmich gab den Schienenspieler und Müller spielte Rechtsaußen (weil er halt spielen musste, auch wenn es seine Position gar nicht mehr gab).
Man hatte ein gutes Spiel (gegen Portugal), Hummels schoss ein Eigentor zur Niederlage, Müller ließ gegen England alleine vor dem Torwart den Ausgleich liegen und obwohl man tatsächlich schwierige Gegner hatte, hatte zumindest ich das Gefühl, dass man sich selbst einen Rucksack aufgeladen hatte, der alles noch viel schwieriger gemacht hatte, indem man als Priorität hatte, bestimmte Spieler in der Mannschaft zu haben, ob das dann systematisch Sinn ergab oder nicht.
An der Stelle sein noch erwähnt, dass Goretzka tatsächlich seine wichtigste Szene für die N11 in diesem Turnier hatte (der späte Ausgleich gegen Ungarn), der blutjunge Musiala dort auch seine Füße im Spiel hatte (und unverständlicherweise gegen England dann erst in der Nachspielzeit kam) und Neuer so anonym spielte wie er es mMn in der N11 seit 2016 im besten Fall tat.
Und auch Löw hatte sich zwischen seiner Rücktrittsankündigung und seiner personellen Rolle rückwärts verloren. Ach ja, Toni Kroos erklärte seinen Rücktritt.
Ein Turnier,
Phase 7: Flicks Einstieg (Herbst 2021 WM Quali)
Mit Hansi Flick übernahm die logische Lösung. Erfahrung beim DFB (inkl. Turniererfahrung), große Erfolge in München und mittlerweile sagte man über ihn in Bezug auf Löw das, was man zu Beginn über Löw zu Beginn in Bezug zu Klinsmann gesagt hatte: er sei das eigentliche Gehirn der Erfolge gewesen.
Es standen die restlichen Spiele in der WM-Quali an und alle acht wurden z.T. klar gewonnen, auch wenn die Gegner natürlich nicht aus der ersten Riege stammten.
Und: Flick verzichtet auf Hummels.
Insgesamt reagiert die Öffentlichkeit positiv: die Ergebnisse stimmen, Löw ist weg, die meisten sind halbwegs beruhigt – auch wenn man doch noch erst abwarten will und sich fragt, wie es gegen die Großen läuft.
Phase 8: Das Siegen verlernt (NL 2022)
Die Antwort lautet: keine Ahnung. In den acht Spielen, bis zur direkten WM-Vorbereitung holt man zwei Siege (darunter ein überzeugender gegen Italien B, fünf Unentschieden (2x Eng, 1 x ITA, 1x NED) und eine Niederlage gegen Ungarn (Flicks erster), mit der man die Chance erstmals in der NL weiterzukommen, liegen ließ. Auch hier gab es unter den Unentschieden hergeschenkte Siege, bei denen man durchaus Flicks Wechsel und Ausrichtung kritisch bewerten konnte.
Allerdings bei aller Kritik stand eben auch die Bilanz, dass man seit der EM eben auch nur ein einziges Spiel verloren hatte.
Phase 9: Ein Aus zum Kopfschütteln: die WM 2022
Zwei Monate nach dem letzten Länderspiel gab es vor der Winter-WM nur ein Testspiel: Flick nutzte es, um eine durchgewürfelte Mannschaft aufzustellen und dort dann auch noch sechs Mal zu wechseln (Mats Hummels war trotz großer Medienunterstützung allerdings nicht dabei). Der nach langem (für mich aber durchaus verständlichen Zögern) nominierte Füllkrug traf zum Sieg.
Hat aber niemand interessiert, weil der mediale Fokus in erster Linie auf der Frage lag, wie sich die N11 zur politischen Lage äußern soll. Leider lag wohl auch die Mannschaft in dieser Frage über Kreuz. Wer eine Auffrischung der Thematik braucht, sollte sich nochmals die Viertelstunde vor dem ersten Spiel anschauen und die mMn schon leicht hysterische Moderation von Tom Bartels anhören, der sinngemäß verlauten ließ, dass „wir alle“ in erster Linie wissen wollen, was die N11 nun machen werde und nach der Mundgeste dann auch leicht pampig verlauten ließ, dass das ja das Mindeste gewesen sei, nachdem man etwas angekündigt habe.
Das Spiel selbst geht verloren. Ich denke immer noch, dass dieses Spiel von allen Turnierniederlagen, die der DFB je einstecken musste, die unnötigste war. Nach 60 Minuten wäre ein 3-0 kein Ergebnis gewesen, das irgendeiner Erklärung bedurft hätte, man hatte (gerade zu Beginn der zweiten Halbzeit) Chancen für zwei Spiele. Spätestens als mit Gündogan der Taktgeber im ZM zugunsten Goretzkas ausgetauscht wurde, gab es aber einen Bruch und man verlor die Kontrolle (im Nachhinein gab es dann die Gerüchte, dass Flick den enttäuschten Goretzka zur Stimmungspflege gebracht habe).
Das 1-2 wird dann durch Stellungsfehle eingeleitet, ist aber für mich am langen Ende ein klarer Torwartfehler, des kurz vor dem Turnier aus einer Verletzung ins DFB-Tor zurückgekehrten Neuer, der unerklärlicherweise nach innen abkippt und somit den Platz zwischen sich und Pfosten öffnet.
Es folgen ein gutes 1-1 gegen Spanien und ein 4-2 Sieg gegen CRI, bei dem man es auch nochmals spannend machte. Prinzipiell sind das aber zwei normale Ergebnisse, sodass das Ausscheiden letztlich an den 20 Minuten gegen Japan lag. Klar, kann man sagen, dass man Spanien im Fernduell mehr hätte unter Druck setzen können, wenn man mit der geeigneten Aufstellung (Füllkrug) von Anfang an auf möglichst viele Tore gegangen wäre, aber der Kontrollverlust gegen Japan und die inneren politischen Konflikte dürften es eher gewesen sein.
Vergleicht man dieses Aus mit dem von 2018 würde ich behaupten, dass man 2022 sehr viel unglücklicher ausschied und da wirklich viel zusammenkommen musste.
Leider sah man das naturgemäß in den Medien und der Öffentlichkeit nicht so. Manchmal hatte man das Gefühl, dass man gar nicht mehr mitbekommen hatte, dass man noch drei Tore geschossen hatte.
Beide Turnierleistungen wurden ohne Differenzierung in einen Topf geworfen. Bierhoff trat zurück und Flick blieb in der Löw-Rolle als Lame Duck.
Phase 10: Aktionismus trifft Panik (Testspiele 2023; 1. Halbjahr)
Es begann das Jahr 2023 und in seiner Gesamtheit war es leistungstechnisch das wohl schlimmste Jahr seit ich die N11 verfolge und emotional nur deshalb vielleicht (aber nur vielleicht) nicht der emotionale Tiefpunkt, weil es kein Turnier gab, bei dem man ausscheiden konnte: 3 Siege (verteilt auf drei Trainer!), zwei Remis und sechs Niederlagen (in den 2,5 Jahren seither gab es insgesamt fünf…). Und jede dieser Niederlagen auf ihre Art und Weise grusliger als die andere. Den Anfang durfte Flick noch machen, der nach der WM offensichtlich all die falschen Lehren gezogen hatte. Es wurde mit Dreierketten experimentiert, mit Viererketten, die in der Offensive zu Dreierketten wurde, gegen Kolumbien durfte Musiala im ZM Goretzkas Vorstöße absichern, Gündogan tauchte im gleichen Spiel auf Linksaußen auf, Füllkrug bekam trotz starker Leistungen nicht immer die Spielzeit, die man sich gewünscht hätte und immer wieder wurde versucht, das über Jahre misslungene Experiment Kimmich und Goretzka in die Zentrale zu setzen am Leben erhalten. Thomas Müller bekam die ersten fünf Spiele eine Pause.
Phase 11: Es gibt nur ein Mal Rudi Völler (FRA)
Nach dem Desaster gegen Japan wird Flick von seinen Aufgaben entbunden. Völler übernimmt gegen FRA – und gewinnt. Die Mannschaft spielt Karo einfach, rechts hinten spielt ein IV, auf der sechs ein defensiver 6er. Man geht früh in Führung (Müller) und lässt die Franzosen im weiteren Verlauf abtropfen. Ein Spielplan als Antithese zu den sechs Spielen davor. Einer der neuen Co-Trainer: Sandro Wagner (mit Hannes Wolf). Völler macht aber klar, dass er nur dieses eine Spiel zur Verfügung stand.
Phase 12: Nagelsmanns Lernstunden (Testspiele 2023 Teil 2)
Nagelsmann erhält den schwierigen Auftrag, die Mannschaft für das Heimturnier fit zu machen. Es beginnt mit der Amerika-Reise (gegen Mexiko und die USA) – und Mats Hummels, der wieder sein Comeback feiern darf. Eigentlich hat die Öffentlichkeit keinen Bock mehr auf Experimente, gerade nach dem eher klassisch gewonnen Frankreich-Spiel. Dennoch schafft es Dreierkettenfan Nagelsmann sein Spiel mit einer Dreierkette in der offiziell genannten Viererkette zu „verstecken“, möglicherweise auch, weil gerade das zweite Spiel zu einer unglücklichen Sendezeit kommt und von vielen gar nicht gesehen wird. Füllkrug rettet die Ergebnisse.
Es folgt der vermutlich schlechteste einzelne Länderspielehrgang, an den ich mich erinnern kann. Nagelsmann packt die komplette Experimentpalette aus, sinnbildlich Havertz´ Rolle gegen die Türkei als ….. LV? Oder doch Schienenspieler? Schaut euch mal das Aufstellungsschema gegen die Türkei auf kicker.de an. Und das ist noch nicht mal so schräg, wie es dann auf dem Platz aussah.
Gegen Österreich versucht man es dann mit dem ZM Gündogan/Goretzka und den Schienenspielern Havertz und Brandt. Lief nicht gut. Im Prinzip hat JN ein halbes Jahr vor dem Heimturnier schon nach vier Spielen fertig, zu katastrophal war das, was er versucht hatte und wofür niemand eine Erklärung hat.
Ach ja. Manuel Neuer machte aufgrund von Verletzungen im gesamten Jahr 2023 kein einziges Länderspiel.
Phase 13: Worker und andere Banalitäten: die EM 2024
Irgendwann zwischen dem Österreich- und Frankreich-Spiel vollführt Nagelsmann einen kompletten U-Turn. Er holt Kroos zurück und trifft die Entscheidungen, die notwendig sind, damit Kroos in einem 4-2-3-1 überhaupt funktionieren könnte: er installiert einen klar defensiv orientierten Sechser, der Kroos´ defenisve Mängel abfedern soll. Als Folge wird Kimmich auf RV gesetzt (als echter RV!). Gündogan bekommt eine klare Rolle im offensiven Mittelfeld. Er lässt Spieler links liegen, die im Verdacht stehen, nur als Stammspieler in einem Turnier zu funktionieren (Goretzka, Hummels). Nichts davon ist Raketenwissenschaft.
Allerdings: Nachdem Manuel Neuer wegen Verletzungen auch die ersten beiden Länderspiele gegen FRA und die NED verpasst hatte, kehrt er natürlich pünktlich zu den Vorbereitungsspielen und den Turnierspielen wieder ins Tor zurück (und damit erstmals seit der WM 2022).
Ich gehöre zu denen, die glauben, dass es gar nicht mal Kroos´ Spiel war, was der Mannschaft am meisten geholfen hat (gegen Spanien geriet er in einigen Aspekten an seine Grenzen). Ich glaube es war wichtig, Kimmich als RV zu stellen und mit Goretzkas Nichtnominierung die ewigen Versuche, ihn mit Kimmich im ZM zu installieren, (scheinbar) beendet wurden. Müller im Kader zu halten, hätte ich nicht gebraucht.
Dennoch: Nagelsmanns neue Anordnung funktioniert von Beginn an. Die Abläufe sind klar, die Kette spielt klassisch aber funktional, man frisst kaum noch Konter und am Ende steht ein unglückliches Aus gegen Spanien, das problemlos auch ein Sieg hätte sein können. Das Ergebnis ist nicht ideal, aber der Weg scheint definitiv der richtige zu sein.
Phase 14: Gelernt ist gelernt (NL 2024)
Auch ohne die zurückgetretenen Kroos, Gündogan (und Müller und Neuer…), wird der zu Beginn des Jahres eingeschlagene Weg fortgeführt. Kimmich bleibt echter RV, das ZM ist für die Balance zuständig und vorne schafft man es sogar, Verletzungen aufzufangen und mit Kleindienst einen neuen MS passend zu integrieren. Ungarn und Bosnien, die nicht dafür bekannt waren/sind, sich abschießen zu lassen werden mit 5-0 und 7-0 heimgeschickt, auch die Niederlande schlägt man trotz Personalsorgen, auswärts spielt man 2-2 hat aber auch Schiri-Pech. Man gewinnt erstmals seine NL-Gruppe. Nichts deutet darauf hin, dass es einen Grund gäbe, von diesen Plänen abzuweichen.
Am Ende hat man im Jahre 2024 nur ein Spiel verloren (gegen SPA n.V.)
Phase 15: Verletzungspech und Restauration (NL VF+HF 2025)
Für die NL-Viertelfinalspiele gegen Italien fallen leider Wirtz und Havertz aus. Was man noch nicht weiß: Musiala wird sein letztes Länderspiel bis zur direkten WM-Vorbereitung bestreiten, Havertz erst im März ´26 wieder zurückkehren. Tim Kleindienst wird sogar seine letzten Spiele bis dato machen. Dennoch hätte man systematisch bei der Erfolgsformel von 2024 bleibenn können, doch schon in diesem Lehrgang beginnt JN ohne größere Erklärung den Weg zurück nach 2023.
So ist z.B. Leon Goretzka wieder dabei. Die erste Halbzeit des Hinspiels ist nicht gut, das Mittelfeld weist Lücken auf, man ist sehr konteranfällig. Burkardt in der Spitze funktioniert nicht wie gewünscht. In der zweiten Halbzeit stellt er mit der Einwechslung von Schlotterbeck auf eine Quasidreierkette um, sodass er Goretzka auf eine 10erPosition schieben kann, ohne dass dieser deswegen den Spielmacher geben muss. Die Tore von Kleindienst und Goretzka drehen das Spiel. Goretzka, der als besonders kopfballstark und torgefährlich gerühmt wird, schießt dabei ein Kopfballtor – es ist sein erstes (und bis heute letztes) Länderspieltor seit der EM ´21 (wann er in der N11 sein letztes Kopfballtor geschossen hat, weiß ich nicht). Die Lobeshymnen (trotz der eher mauen ersten Halbzeit) danach sind unüberhörbar (Fuss am Rande eines Bayernspiels: Goretzka habe ein „episches Länderspiel gegen Italien“ absolviert.
Ein paar Tage später folgt die wohl beste Halbzeit der Nagelsmann-Ära. Goretzka auf der 10, Stiller im ZM und hinten eine Dreierkette (das beste Dreierkettenspiel der N11 seit….. immer?).
Umso spektakulärer der Einbruch: nach einem schnellen Gegentor und einem wilden Dreifachwechsel, zittert man ein Unentschieden nach Hause (und geht so Norwegen in der WM-Quali aus dem Weg….). Nach den Spielen wird bekannt, dass der DFB und Sandro Wagner beschlossen haben, nach dem NL-Final-Four getrennte Wege zu gehen.
Im Nachgang scheint die schlechte zweite Halbzeit des Rückspiels für JN aber kaum noch eine Rolle gespielt zu haben.
Gegen Portugal beginnt man mit einer Dreierkette, zwar kommt immerhin Wirtz hinzu, der kommt aber auch aus einer Verletzung. Woltemade erhält noch vor der U21-EM sein Debut. Ter Stegen kommt ebenfalls wieder dazu und zeigt zwei starke Leistungen.
Hinten spielt mit Koch und Anton eher die zweite Garde, Goretzka spielt wieder die halbe 10 und Pavlovic alleinigen 6er. Das Spiel ist von beiden Seiten nicht gut, doch Deutschland geht glücklich in Führung. Doch in einer Situation, in der es eher um Ball halten und oder Konter geht, macht JN einen Dreifachwechsel und bringt unter anderem Gosens und Füllkrug (beides eher keine Ballbesitzspieler, um eine Führung zu verwalten und NF eher auch nicht für Konter zu gebrauchen) für Mittelstädt und Woltemade. Neun Minuten später ist das Spiel verloren.
Gegen Frankreich setzt man auf eine Viererkette und Woltemade UND Füllkrug und eigentlich muss man nach 20 Minuten 2-3 Tore geschossen haben. FRA geht aber in Führung, Woltemade wird absprachegemäß ausgewechselt und nach dem Seitenwechsel läuft man in einen Konter nach dem anderen. Am Ende des Spiels rückt Kimmich wieder ins ZM, womit der Versuch Nagelsmanns beginnt, einen weiteren Punkt aus dem Jahr 2024 wieder zurückzudrehen.
Auch die Medien und die Öffentlichkeit werden hibbelig. Aus einer Halbfinalteilnahme wird ein „letzter Platz“ und auch die Verletzten werden nicht als Erklärung (zumindest für manche Dinge) gelten gelassen.
Phase 16: Ein Desaster, viele Siege aber null Wagner (WM-Quali 2025)
Vor dem Slowakeispiel sind die offensiven Hoffnungsträger immer noch verletzt, JN verzichtet auch auf Nmecha und Pavlovic, da die nach Verletzungen noch zu wenig Minuten gesehen hätten. In der Slowakei verliert man mit 0-2. Kimmich spielt wieder im ZM – ganz in der Nähe (wieder als nicht Spiel gestaltender 10) Leon Goretzka, womit ein neuer Versuch unternommen wird, die beiden im Mittelfeld unterzubringen und 2024 vergessen zu machen. Das Spiel entgleitet völlig. Debutant Collins wird verheizt, Rüdiger ist in katastrophalem Zustand, das Mittelfeld findet keinerlei Zugriff. Mittelstädt, der noch eine vergleichsweise unfallfreie erste Halbzeit hinter sich gebracht hat, muss die zweite Halbzeit als RV zubringen – und taucht (wie Collins) danach nie wieder in der N11 auf. Stiller wird ausgewechselt und ist danach für JN absoluter Streichkandidat.
Gegen Nordirland gibt es dann wieder Dreierkette mit Kimmich im ZM (Leweling dann rechts) und man gewinnt verdient, aber glanzlos und sichtlich verunsichert.
Gegen Luxemburg (ab jetzt wieder mit Kimmich auf RV) gewinnt man ungefährdet, gegen Nordirland ein Spiel, das hauptsächlich 2,50 Meter über dem Boden stattfindet.
Woltemade besorgt hier, wie auch im Rückspiel gegen Luxemburg den Sieg. Man kann in allen Spielen schon erahnen (auch wenn man es nicht wahrhaben will wie ich), dass JN keinen größeren Sinn mehr in einem 8er sieht, der in der Zentrale mitspielt. Goretzka gibt den zweiten 10er. Ab da hängt die deutsche Spielanlage davon ab, ob der Gegner den alleinigen deutschen Sechser abschneiden kann und wie sich die IV im Spielaufbau anstellen. Gegen Luxemburg wird es eine furchtbare erste Halbzeit (ohne Kimmich), in der man mit der Niederlage flirtet, erst Woltemades Tore sichern den Sieg.
Es folgt das 6-0 gegen die Slowakei. Alles funktioniert, auch der Plan mit Sané, Woltemade festigt seinen Platz als der neue Mittelstürmer und Nagelsmann hat offensichtlich die Bestätigung, dass seine Ausrichtung die richtige ist.
Auch ziemlich gut während der gesamten Qualifikation: Oliver Baumann.
Womöglich schmerzlich vermisst: ein Co-Trainer mit bändigendem Einfluss auf JN.
Phase 17: WTF…? (März 2026)
Das Slowakeispiel weckte Hoffnung und dennoch hallte die zähe Quali noch nach. Und in dieser Situation beschloss Nagelsmann, ein Interview im Kicker zu geben. Ein sehr langes Interview. 7(!) Seiten. Überschrift (in der Printausgabe) übrigens: „Ich habe tausend verschiedene Ideen“. Treffender hätte man im Rückblick die letzten 18 Monate kaum zusammenfassen können (auch wenn im Kontext was anderes gemeint war). Und JN hatte wenig Hemmungen, viele dieser Ideen zu präsentieren und über seine Spieler, Anforderungen etc. zu sprechen. Das ist toll für die Medien und auch hier wird darüber gerne diskutiert, aber du machst dir halt unzählige Einfalltore aus und lehnst dich an so vielen Stellen aus dem Fenster, dass es gar nicht ausbleiben KANN, dass du bei bestimmten Positionen zurückruderst und dann als – im besten Fall -wankelmütig dastehst.
Als Beispiel nur ein Zitat auf die Frage nach der Position hinter Oliver Baumann: „Hier hat Andreas Kronenberg als Torwarttrainer den Hut auf. (…) Am Ende entscheidet Krone. Eine Torwartgruppe ist sehr speziell, wie so eine kleine Familie in der großen Familie, die sehr viel Zeit nur mit sich verbringt. Da muss es einfach gut zusammenpassen. Da bringt es nichts, wenn man nur die drei besten Torhüter mitnimmt.“ Nun ja.
Und damit war der Boden bereitet für die beiden Spiele, die man auch tatsächlich gewann. Zwei schwierige Spiele mit vielen Ausfällen gerade im Mittelfeld, die man nach Rückschlägen noch gezogen hat und gerade ein Sieg gegen die Schweiz auswärts ist gar nicht mal sooo einfach. Hat kaum jemand gejuckt. Stattdessen ging es eine Woche lang nur um Kommunikation. JN lobt angepisst Sané für ein im besten Fall mäßiges Spiel, nur um ihn dann doch gegen Ghana auf die Bank zu setzen, dazu seine legendäre Unzufriedenheit mit dem Siegtorschützen Undav. Anstatt mit Rückenwind in die USA zu rauschen, gräbt er ein Schlagloch nach dem anderen.
Phase 18: How to throw away a tournament: Die WM 2026
In der Zwischenzeit hatte Manuel Neuer ein sehr gutes Spiel gegen Real Madrid, bei dem er zeigte, dass er an seltenen, einzelnen Tagen, wenn die Bälle in Bodennähe bleiben noch glänzen kann. Und die Medienlandschaft wurde wuschig. Jeder der vor 10-12 Jahren mal mit MN gepsielt hatte wurde zu seiner Meinung befragt und auch das Rückspiel gegen Real verlangsamte den Medien-Hypetrain nur wenig. Und als JN dann die Botschaft verkündete gab es zig Umfragen, in denen die Euphorie der Fans ob Neuers Rückkehr zum Ausdruck gebracht werden konnte. Nur dass diese diese Umfragen dazu nutzten, ihr Unverständnis zum Ausdruck zu bringen. War JN und den Medien egal, denn man hatte eine unschlagbare Erklärung, die so wachsweich ist, dass man schlicht nicht mit Fakten dagegen anargumentieren kann: Aura. Das Globulikügelchen unter den Torwartfähigkeiten.
Auch der Kader warf Fragen auf: Es gab sehr viele ZMs, aber kaum echte Flügel. Und nur einen RV (Kimmich). Im Nachhinein alles konsequent, da es in Nagelsmanns System eigentlich keinen RV gab, sondern nur einen RIV (der dann auch eher von einem IV gespielt wird) und eigentlich auch keine echten Flügelstürmer, sondern RA, der in der Hauptsache nach innen ziehen und irgendwie mit nach hinten arbeiten soll. Und für LA hatte er mit Wirtz einen Spielmachertyp vorgesehen.
Pech kam dann mit der Verletzung Karls (und später Schlotterbeck) dann auch noch dazu.
Baumann bekam noch zwei Henkersmahlzeitspiele, während Neuer seine Wade auskurierte, Sané war wieder Stammspieler (nichts gegen Sané, er hat gespielt, was er sollte und war zwar nicht gut, aber mMn viel zu sehr der Blitzableiter, der für viele an allem Schuld war).
Zum Turnier braucht man nicht mehr viel sagen. Die Fehde mit Undav setzte sich fort und als sich ein Momentum zu entwickeln begann, killte JN das im Spiel gegen Ecuador wieder, indem er Wechsel entgegen des Spielverlaufs vornahm, um Geschenke zu verteilen, womit er die Beschenkten zu den Gesichtern der Niederlage machte, Woltemade wohl endgültig brach und das Team mit Zweifel und schlechter Laune gegen Paraguay ins Rennen schickte.
Das Spiel war dann die Zusammenfassung von Nagelsmanns erratischem Kurs. Am Ende sollten es Flanken richten, die aber nicht die beiden deutschen Top-Flankengeber Raum (blieb auf der Bank) oder Kimmich (wurde ins ZM geschoben) bringen sollten, sondern Wirtz (ok, aber kann halt nur invers aus dem Halbfeld) und Anton. Und obwohl JN ein denkwürdig großes Portfolio an ZMs nominert hatte (2022 waren es nur drei), endete die Partie (ab Min. 73) mit dem ZM-Duo Kimmich/Goretzka. War das die Hauptursache? Nein, aber es ist symptomatisch, dass man am Ende der Geschichte wieder genau an diesem Punkt anlangte. Neuer hielt noch einen Elfmeter.
Ich denke jeder kann sich aus diesen Abläufen seine Gründe raussuchen, es dürfte auch rausgekommen sein, wo ich Fehler sehe, die sich eventuell auch wiederholt haben:
1) Nebenkriegsschauplätze.
2018 bekam man die „Foto-Affäre“ nicht in den Griff, mMn nach unter anderem auch, weil man einen Präsidenten hatte, dem sein eigener Antagonismus zu den betroffenen Spielern wichtiger war als der Rest des Turniers. 2022 lief man in die Binden-Debatte, ohne sich offensichtlich vorher bewusst zu sein, dass das Thema auch in der Mannschaft nicht einhellig betrachtet wurde. 2026 vermied man zwar die politischen Fallstricke, dafür gab JN im Kicker viel zu viele Einblicke, die ihn (auch für die Spieler) angreifbar machten. Und jedes Mal war man es selbst, der die Themen anschleppte und dafür sorgte, dass sie Problem schufen.
2) Zuerst Namen, dann das System.
Löw hatte ab 2019 versucht, eine neue Idee zu implementieren, aber durch die Pleite 2018 war er nicht mehr stark genug bei Rückschlägen (Spanien, Nordmazedonien) das durchzuziehen, sodass das Turnier 2021 zu einem einzigen Feldversuch wurde, wie man vorgegebene Namen in ein System zwängen kann. Doch auch Flick und JN hatte ihre Aktien in diesem Vorgehen. Füllkrug hätte zwischen 2022 und 2024 ein viel klarerer Stammspieler sein müssen, aber er hatte nicht den Namen, den andere hatten. Dafür taucht dann Müller auf Positionen auf, auf denen er zum letzten Mal 2014 Impact hatte. Eine Einwechslung von Goretzka für Gündogan gegen Japan ist eine Sabotage an der Spielidee, weil man einen Namen befriedigen wollte. Das ständige Hin- und Herschieben von Kimmich, so dass es scheint, dass es eigentlich egal ist, wo er spielt, wichtig ist nur DASS er spielt. Die ständigen Positionswechsel von Gündogan: 6er, 10er, 8er? Einmal dann sogar Linksaußen.
Wenn man schon Namen vor System priorisiert und damit im Prinzip nur Heldenfußball spielen kann, müssen die Spieler unzweifelhaft diese Priorisierung wert sein – sie müssen Helden sein. Das war nicht der Fall, womit ich bei Punkt 3 wäre.
3) Zu langes Festhalten an Spielern, es wird nicht einfach nur nach Namen sortiert, es wird auch noch beibehalten, wenn die Namen nicht (mehr) gut genug sind. Das ist etwas, was Löw, Flick und Nagelsmann mMn in unterschiedlicher Schattierung gemeinsam haben. Löw hat zu lange die 14er für unantastbar erklärt und damit den Kader gespalten. Und als er etwas geändert hat, war es insofern zu spät, als dass er als lame Duck nicht mehr unter dem Damoklesschwert der großen Namen, die doch zur Rettung aller schreiten könnten, wegkam und die Entscheidung nicht mehr durchziehen konnte. Bei Flick und Nagelsmann war es u.a. das Festhängen an Namen, mit denen sie beim FCB erfolgreich waren. Müller blockierte drei Turnier lang einen Platz, ohne dass es was gebracht hätte. Goretzka wurde immer wieder in der Startelf gehievt, ohne dass sich entscheidend etwas besserte. Das Duo Kimmich/Goretzka sollte zum Funktionieren gebracht werde. Immer wieder Sané, den ich als Typen mag, der aber damit auch viele Chancen bekam, an denen andere Spieler hätten wachsen können. Süle, der immer wieder Chancen bekommt. Und natürlich Neuer. Womit wir bei Punkt 4 wären.
4) Permanente Sabotage an der Hierarchie. 2018 gab man eine Hierarchie vor und den Jungen kaum Chancen, sich reinzuspielen. Markantestes Beispiel. Nach nahezu zwei Jahren Pause muss MAtS umstandslos den Platz räumen, weil MN wieder gesund ist (nicht fit, nicht in Form, nur gesund). Ab 2021 beginnen dann die Rückholaktionen, oft orchestriert von den Medien, z.T. aber auch dankbar aufgenommen von den Trainern. Müller kommt 21 zurück, macht dann 23 ein halbes Jahr Pause, kommt dann wieder zurück. Hummels kommt 21 zurück. Wird dann wieder aussortiert, wird vor der WM 22 heftig gefordert. Darf dann 23 nochmals Spiele machen. Wird wieder aussortiert. Wird vor der EM 24 wieder zu einem lästigen Thema. Kroos tritt 21 zurück und wird 24 zurückgeholt. Goretzka wird eigentlich relativ unmissverständlich aussortiert, weil er als Bankspieler problematisch sein könnte. Kommt nach einem Jahr wieder zurück und landet (wenn auch zu Recht) im Turnier dort, wo der gleiche Trainer ihn eigentlich für inkompatibel hält: auf der Bank. Neuer kommt 2018, 2024 und 2026 jeweils nach Minimum 18 Monaten Pause wieder zurück und darf Turnier spielen (sieh unten).
Und natürlich stiegen all diese Spieler bei ihren (teils mehrfachen) Comebacks für die Trainer immer wieder ganz oben in der Hackordnung ein. Der eine hatte Aura, der andere war unverzichtbar fürs Pressing, der nächste war zwar langsam aber ein Leader oder ein Kämpfer (weil er sich in Abwesenheit der Konkurrenten seinen Platz im Verein zurückgeholt hat). Unbeweisbare Softskills, gegen die man als Konkurrent im Training nicht anstinken kann, weil sie als gegeben betrachtet werden. Auch so kann man Hierarchien zerstören und das Wachsen eines Teamgefüges verhindern oder zumindest verlangsamen.
4b)
an dieser Stelle noch mal ein paar gesonderte Anmerkungen zu Manuel Neuer. Für mich war sein letztes gutes Turnier 2016. Seine Spielbilanz seither:
- Zwischen EM 16 und WM 18 macht er die ersten drei Spiele und verpasste dann 17 Spiele (18,5 Monate) ehe er direkt zu den Vorbereitungsspielen wieder einstieg und alle Turnierspiele absolvierte.
- Zwischen der WM 22 und der EM 24 verpasste er alle 13 Spiele (18 Monate) ehe er direkt zu den Vorbereitungsspielen wieder einstieg und alle Turnierspiele absolvierte.
- Zwischen EM 24 und WM 26 verpasste er alle 18 Spiele und dieses Mal sogar die beiden Testspiele ehe er wieder einstieg und alle Turnierspiele absolvierte.
- Selbst vor der WM 22 verpasste er die beiden Länderspiele der Saison und stieg dann wieder zum einzigen Vorbereitungsspiel wieder ein – und spielte alle Turnierspiele.
- Und selbst in der kompletten Zeit zwischen 2018 und 2022 machte er von 42 Spielen nur 28 und das war nach 2016 seine Produktivste Phase.
Zusammengefasst: Neuer absolvierte 19 von 19 Turnierspielen und 7 von 9 Turniervorbereitungsspielen. Aber bei den anderen steht er seit 2016 bei 31/93 (vor den Turnieren 18,24 und 26 bei 3/51). Unter Nagelsmann war Neuer somit nicht ein einziges Mal bei einem regulären Lehrgang dabei (alle neun Turnierspiele und 2 Vorbereitungsspiele)
Überspitzt formuliert hat es sich der DFB geleistet, in den letzten 10 Jahren einen Turniertorwart zu unterhalten und eine Handvoll Torhüter, die den Rest erledigen durften. Ich bleibe dabei, über diesen Zeitraum ist das nichts, was einer Hierarchie oder der Stimmung in einer Mannschaft zuträglich wäre. Vor allem nicht bei dem, was leistungsmäßig dann zurückkam.
5) Leider hat der DFB einige Zeit verschwendet, weil die Trainer zu diesen Zeitpunkten Getrieben waren, die ohne jede Stärke agieren mussten/konnten. Bei Löw waren es drei Jahre, in denen permanent sein Job auf der Kippe stand. Flick produzierte in diesem Zustand das kaum Verstehbare erste Halbjahr 2023 und selbst Nagelsmann war seit der Niederlage gegen die Slowakei im permanenten Jobsicherungsmodus mit allerlei merkwürdigen Ideen und womöglich war das fatale Kicker-Interview sogar ein Produkt dieser Sorge und als mediale Charmeoffensive angelegt. Je nach Sichtweise waren das 3,5-4,5 dieser zehn Jahre, in den die Trainer sich mehr um sich kümmern mussten als um eine vernünftige Entwicklung. Das ist zuviel Ballast.
6) Ein letzter Grund, der sich nicht direkt aus den von mir beschrieben Zeiträumen ableiten lässt: Die Bayern-Dominanz. Ich halte es für problematisch, dass der Verein, der die meisten Spieler stellt, im Prinzip nur noch im März und April relevante Spiele hat und den Rest auch mit 80-90% in der Regel hinbekommt, während bei den anderen in der Buli beschäftigten Nationalspieler der Titel schon gar keine Rolle mehr spielt, sondern es reicht wenn man sich seinerseits mit 80-90% auf die CL-Plätze rettet. CL ist nett, aber ein Ausscheiden ist dann auch kein Problem. Diese zementierte Hierarchie, der Abotitel und die mittlerweile fast komplett fehlenden ernsthaften Titelambitionen der anderen Spieler in der Liga untergraben auf allen Ebenen die Wettkampfhärte. Nur meine Meinung. Aber diese Entwicklung läuft parallel zu den schlechten Turnierergebnissen.
So, was meint ihr? Elemente wie Nachwuchsarbeit etc. habe ich jetzt bewusst rausgelassen.
• • •
Wer hilft mir bei der Identifikation des folgenden typischen tm.de-Geräuschs?
„KLIRR“
Ich konnte es bisher eingrenzen auf:
a) zwei aufeinanderprallende Einzeiler
oder
b) ein Glashaus
Dieser Beitrag wurde zuletzt von Dreisambock am 21.07.2026 um 21:43 Uhr bearbeitet