Nowotny: „Hätte Real oder Arsenal sofort angenommen“ – 4 Kreuzbandrisse & kein Triple
Anfang der 2000er Jahre galt Jens Nowotny als Inbegriff eines der besten Abwehrspieler der Bundesliga. Über 300-mal stand der heute 52-Jährige für den Karlsruher SC und später Bayer 04 Leverkusen auf dem Platz. Zudem trug er in 48 Partien das Trikot der deutschen Nationalmannschaft. Im Gespräch mit Transfermarkt blickt der frühere Nationalspieler auf die Titeltraumata der Werkself, vier Kreuzbandrisse, seinen Ruf als „Rüpel“ und die besondere Mentalität seiner Karriere zurück.
Es war eine Zusammenkunft voller Nostalgie, als sich Großteile des WM-Kaders von 2006 vor wenigen Wochen trafen, um in alten Erinnerungen zu schwelgen und das „Sommermärchen“ auf ihre Weise aufleben zu lassen. Zu jener Zeit war Nowotny bereits auf dem Zenit seiner Karriere und erlebte trotzdem noch einmal ein absolutes Highlight. „Das Wiedersehen war wirklich emotional. Zumal wir uns schon damals nicht nur als reine Fußballer, sondern auch als Freunde gesehen haben. Wenn ich an die WM zurückblicke, dann denke ich vor allem an die Euphorie, die in Deutschland geherrscht hat. Wir sind damals in das Jahr 2006 mit einem 1:4 gegen Italien gestartet. Keiner hätte zu der Zeit etwas auf uns gesetzt. Aber wir konnten uns bei der WM von Spiel zu Spiel steigern und eine Euphorie entfachen. Ich weiß noch, dass vor dem ersten Spiel nur wenige Menschen vor unserem Hotel standen. Zum Schluss waren es Tausende. Das sind Erlebnisse, die man nicht vergisst, und ein absolutes Highlight“, so der Ex-Profi, in dessen Karriere es Höhepunkte zur Genüge gab.
Als eines der größten Talente der Vereinsgeschichte des Karlsruher SC feierte Nowotny bereits mit 18 Jahren sein Debüt im deutschen Oberhaus. In der Folge herrschte Furore um das Nachwuchstalent, wenngleich dieser im Vergleich zur heutigen Zeit verhältnismäßig klein ausfiel. „Ich habe den Hype schon wahrgenommen, und er war auch schön. Ich bin aber auch ganz froh, dass ich in einer anderen Zeit Debütant war. Heute gehen viele zu leichtfertig mit diesem Hype um und steuern auch durch eine Scheinwelt. Du wirst schneller gefeiert, aber die Gefahr, dass du abrutschst, ist entsprechend höher. Zudem erlauben sich viele schneller ein Urteil über dich, obwohl sie dich als Mensch überhaupt nicht kennen“, schildert der Ex-Profi im Gespräch mit TM.
Dabei hätte es auch anders kommen können, denn bereits mit 17 Jahren zog sich Nowotny einen Kreuzbandriss zu. Für viele Nachwuchsspieler ein Todesurteil für ihre Karriere. Doch der Defensivspieler kämpfte sich zurück und wurde belohnt. „Mein Vorteil war meine jugendliche Naivität und Unbedarftheit. Ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht, welche Auswirkungen diese Verletzung haben könnte, sondern hatte einfach den Fokus darauf, schnellstmöglich wieder auf den Platz zu kommen. Diese Zeit hat mich auch geprägt. Acht Stunden am Tag war ich in Behandlung und insgesamt drei Monate weg von meiner Familie in der Reha in Bad Urach“, erzählt Nowotny.
Schäfer unter Nowotnys Förderern: „Guck mal, ein Eichhörnchen“
KSC-Coach Winfried Schäfer sah später in ihm mehr als nur das Eigengewächs. Bereits nach der zweiten Spielzeit etablierte sich Nowotny als Stammspieler in der KSC-Abwehr. „Winnie war ein absoluter Talentförderer. Er hat uns jungen Spielern das Vertrauen geschenkt, auch wenn wir mal ein paar Wackler im Spiel hatten“, so Nowotny, der sich an eine besondere Situation mit Schäfer erinnert. „Bei einem Spaziergang vor einem Spiel sagte Winnie aus dem Nichts: ‚Guck mal, Jens, dort ein Eichhörnchen.‘ Es war nur ein einfacher Satz, der aber viel in mir ausgelöst hat. Trotz des Stresses, trotz der Erwartungshaltung sollte man die Kleinigkeiten im Leben niemals aus den Augen verlieren und in Dankbarkeit leben“, betont der ehemalige deutsche Nationalspieler.
Neben Wolfgang Rolff und Thomas Häßler, von denen er insbesondere im menschlichen Bereich profitieren konnte, prägte ihn vor allem Oliver Kahn. „Oli hat mir gezeigt, dass du nicht aufhörst, Profi zu werden, nur weil du einen Profivertrag unterzeichnet hast. Ich erinnere mich, dass er mich in einer meiner ersten Wochen eingeladen hat, ihn in der Mittagspause zu begleiten. Ich dachte, wir gehen gemütlich Mittag essen, stattdessen ging es für uns ins Fitnessstudio“, erinnert sich Nowotny lachend und schiebt nach: „Im Training kannte Oli keinen Spaß. Ein Jugendspieler wollte ihn im Training überlupfen. Beim ersten Mal hat es noch geklappt, beim zweiten Mal hat Oli ihn dermaßen abgeräumt. Das Training war für den Spieler verletzungsbedingt zu Ende.“
Nowotny war mittendrin im größten taktischen und strukturellen Wandel der modernen deutschen Fußballgeschichte. Als der Verteidiger in den 90ern beim KSC begann, war die Bundesliga noch streng geprägt von der klassischen Rollenverteilung: Ein Libero organisierte hinten, davor agierten zwei knallharte Manndecker, die ihren Gegenspielern, wie häufig beschrieben, bis auf die Toilette folgten. Diesen Wandel erlebte er insbesondere mit dem Wechsel 1996 zu Bayer 04 Leverkusen. Dabei stand Nowotny auch bei Bayern München und Borussia Dortmund hoch im Kurs. Dass er sich für Leverkusen entschied, lag vor allem an der Hartnäckigkeit von Reiner Calmund.
„Die Absagen habe ich meinem Vater überlassen. Ich konnte das nicht. Auf der einen Seite war Calli sehr wortgewandt und wusste, wie er Menschen überzeugen konnte. Auf der anderen Seite habe ich mich für Bayern München noch nicht bereitgefühlt. Ich wollte mich zunächst in Leverkusen als Bundesligaspieler stabilisieren und dann nach zwei oder drei Jahren den nächsten Schritt machen. Der Schritt nach Leverkusen war auch eine logische Folge, weil ich einen Großteil der Mannschaft kannte und mich freute, mit ihnen zusammenzuspielen“, schildert der Ex-Profi.
Bei Leverkusen erlebte er, wie er in ein komplett neues Anforderungsprofil wuchs. Plötzlich war nicht mehr nur Zerstörung gefragt. Als Abwehrchef musste Nowotny das Spiel von hinten heraus spielerisch eröffnen, den Ball behaupten und Angriffe einleiten – Fähigkeiten, die er als technisch versierter Verteidiger perfekt verkörperte. „Ich weiß noch, vor unserer Partie gegen Kaiserslautern sagte Christoph Daum zu uns: Heute spielen wir ohne Libero. Damals hat keiner gedacht: Oh, jetzt wird alles revolutionär. Wir dachten: Wenn der Trainer das so entscheidet, dann machen wir das so“, so der 52-Jährige.
Doch es blieb nicht nur beim reinen Stammplatz, Nowotny wurde überraschenderweise zum Kapitän ernannt. Obwohl und gerade weil er nicht der klassische Lautsprecher war, einte er die Kabine und formte daraus eine harmonische Spitzenmannschaft. „Mein wichtigster Moment war das Zusammenrasseln mit Ulf Kirsten im Training. Wir lieferten uns ein Wortgefecht und standen Kopf an Kopf. Ab dem Moment wussten die Jungs: Der Nowotny meint es ernst. Ich komme hierher, um anzukommen, zu wachsen und mit Leverkusen Erfolg zu haben. Entweder ihr zieht mit, oder es gibt Probleme“, erklärt der Ex-Profi.
Nowotny entwickelte sich in dieser Phase zu einem der besten Abwehrspieler der Bundesliga. Er löste Situationen defensiv extrem clever über sein herausragendes Stellungsspiel und seine Antizipation. Er las das Spiel des Gegners so gut, dass er Pässe oft einfach im Laufen abfing. Druck oder Angst kannte er nicht.
„Wenn du Kinder in einem Hospiz siehst, wenn du obdachlose Menschen auf der Straße siehst, dann siehst du, was Angst oder Druck ist. Wir dürfen kicken und kriegen dafür Kohle. Wo hat man da Angst oder Druck? Ich habe mit Boris Živković über den Jugoslawien-Krieg gesprochen. Danach habe ich einen ganz anderen Blickwinkel auf das Leben bekommen. Ich finde, jeder Profi sollte sich sozial engagieren und mehr Demut sowie Dankbarkeit zeigen. Wir jammern aus meiner Sicht manchmal zu viel“, betont Jens Nowotny, dessen Spielweise ihm aber auch den Beinamen „Rüpel“ einbrachte.
In seinen Jahren musste er achtmal vorzeitig mit einem Platzverweis vom Feld. Jedoch basierten seine vielen Platzverweise nicht auf Frustfouls, bösen Tritten oder Schiedsrichter-Beleidigungen. Vielmehr waren die Platzverweise Letzter-Mann-Situationen geschuldet. „Ich war alles, aber kein Rüpel oder Rowdy. Ich habe mit großer Zweikampfhärte gespielt, aber nie mit der Absicht, einen Spieler zu verletzen. Bis auf meine Karte gegen Martin Dahlin, die dunkelrot war, waren die restlichen Platzverweise harmlos. Häufig bin ich zu spät gekommen, oder der Stürmer hat mich klug gekreuzt und eingehakt. Irgendwie war der Rekord auch cool, wenngleich ich auf den ein oder anderen Platzverweis verzichtet hätte“, lacht der 52-Jährige.
Nowotny über Haching-Drama: „Waren alle am Boden“
Obwohl Nowotny über 300 Bundesligapartien bestritt, reichte es nie für einen Titel in Deutschland – und das, obwohl er ganz nah dran war. Viermal wurde er Vizemeister. Als das mit Abstand schlimmste und traumatischste Erlebnis gilt die verpasste Meisterschaft im Jahr 2000 in Unterhaching. Vor dem letzten Spieltag führte Bayer Leverkusen die Tabelle mit drei Punkten Vorsprung vor dem FC Bayern München an. Leverkusen reiste zum gallischen Dorf der Liga, dem Aufsteiger SpVgg Unterhaching. Ein einziges Unentschieden hätte Nowotny und seinem Team zur ersten Meisterschaft der Vereinsgeschichte gereicht.
„Diese Niederlage war emotional schon sehr hart. Und wir waren alle am Boden. Auch wenn es blöd klingt: Man macht halt einfach weiter. Irgendwann beginnt wieder das Training, und du musst zu 100 Prozent da sein. Du verdienst sehr gutes Geld, also musst du halt funktionieren“, sagt Nowotny und erklärt in diesem Zuge auch, was er mit Funktionieren meint. „Du spielst auch mit Schmerzen. Beispielsweise wusste ich vor der Partie gegen den FC Barcelona nicht, ob ich spielen kann. Als mich Klaus Toppmöller fragte, bei wie viel Prozent ich mich sehe, und ich sagte 20 Prozent, kam nur: ‚Das reicht, du spielst.‘ Ich habe mich immer mit den Ärzten ausgetauscht, aber die Entscheidung zu spielen habe ich immer selbst getroffen.“
Wahrscheinlich würden wir heute nicht nur von der Leverkusener Legende sprechen, wenn sein Körper nicht zur unglücklichsten Zeit gestreikt hätte. 2002 galt er als absoluter Ausnahmespieler und wurde mit den großen Teams des europäischen Fußballs in Verbindung gebracht. Doch auf dem Höhepunkt seiner Karriere riss er sich zum zweiten Mal das Kreuzband. „Als ich auf der Massagebank lag, wusste ich sofort: Das ist keine leichte Verletzung. Es hat sich auch nicht gelohnt zu lamentieren. Ich hatte einen klaren Plan: Reha und zurückkommen. In dieser Zeit war ich auch unausstehlich, vor allem zu Hause, weil ich unbedingt aufs Feld zurückwollte. Neben meiner Familie haben mir vor allem Fantasy-Romane geholfen. Bücher über einsame Helden oder Antihelden“, blickt der Ex-Profi zurück.
In jener Phase träumte ganz Leverkusen von einem historischen Triple. Unter Toppmöller spielte die Mannschaft einen derart berauschenden, dominanten Angriffsfußball, dass der Gewinn aller drei großen Titel im April 2002 absolute Realität schien. Doch die Verletzung von Nowotny hinterließ eine Lücke, die sportlich und mental nicht zu schließen war, und so verpasste Leverkusen alle drei Titel. Auch aus persönlicher Sicht war diese Verletzung bitter. Zum einen verpasste Nowotny die WM 2002.
Nowotny über Verletzungsmisere: „Habe die Situation nie verflucht“
Doch viel schlimmer war die Tatsache, dass er durch die Verletzung den Wechsel zu Real Madrid oder Arsenal London verpasste. „Ich habe meinen Körper nie verflucht. Ich habe die Situation einfach angenommen. Konkret hat mit mir damals kein Verein gesprochen, weil die Vereine damals noch untereinander verhandelt haben und erst dann auf den Spieler zugegangen sind. Aber natürlich hätte ich solche Optionen wie Arsenal London oder Real Madrid sofort angenommen. Ich finde, eine Auslandsstation ist eine unglaubliche Lebenserfahrung“, betont Nowotny.
Wenn er heute über mentale Stärke spricht, glaubt man ihm jedes einzelne Wort. Denn keiner war ein so großes Stehaufmännchen wie der ehemalige deutsche Nationalspieler. Nach seinem zweiten Kreuzbandriss kämpfte er sich zurück und musste sich doch wieder geschlagen geben – mit Kreuzbandriss Nummer drei und später Nummer vier. Doch der Defensivspieler schaffte das Comeback und eben auch die Rückkehr in die deutsche Nationalmannschaft. „Nach der vierten OP sagte der damalige Arzt: Wir können noch mehr flicken. Danach wusste ich, ich kann auf jeden Fall zurückkommen. Jedem Menschen tun Resilienz und mentale Stärke gut. Ich bin auch davon überzeugt, dass beides auf natürliche Weise in den Menschen steckt. Wir sollten anfangen, mehr in uns selbst und in unsere Fähigkeiten zu vertrauen“, macht der Ex-Bundesligaprofi klar.
Heute arbeitet er als Co-Trainer der deutschen U15-Nationalmannschaft und blickt entsprechend klar auf den Fußball. „Wir verdienen alle mit dem Fußball unser Geld, und keiner wird freiwillig sagen: Das Karussell soll sofort stoppen. Aber der Markt reguliert sich selbst, und wenn auf einmal darauf verzichtet wird, die Spiele im Stadion oder vor dem TV zu schauen, dann wird sich auch etwas ändern. Wir müssen wieder dahin kommen, dass der Fußball ein Spiel der Spieler und der Fans wird und nicht ein Spiel der Gelder“, so Nowotny zum Abschluss.
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