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Taktik(tisch)thread

17.12.2008 - 20:13 Uhr
Taktik(tisch)thread |#1511
14.04.2015 - 20:14 Uhr
Zitat von Lullaby
Düsseldorfs Spielaufbau lief größtenteils über lange Pässe auf die Außen oder zweite Bälle, die im Zentrum abgesammelt wurden. Das ist genau die Taktik, mit der man Angriffspressing ausweicht. Wir haben dann direkten Zweikämpfe auf den Außen verloren bzw. sind im Zentrum gar nicht richtig rein gekommen.
Beste Grüße
Lullaby


Ich hab leider von der ersten Halbzeit zu wenig gesehen, um die Rolle von Stöger bewerten zu können und ob das mit ihm und Zoller auf außen besser geklappt hat. Aber was du sagst deckt sich mit meiner Wahrnehmung der 2. Halbzeit, wo mindestens ein (ballsicherer) zentraler Mittelfeldspieler gefehlt hat; sowohl als Anspielstation für den Aufbau und damit Entlastung wie auch für das Pressing, um die Räume zu besetzen und eben auch mal 2. Bälle zu holen. Da war das 4-4-2 halt nicht passend und hätte vielleicht schneller korrigiert werden müssen...

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Nichts ersetzt die Romantik eines Flutlichtspiels im Regen... ...und siegen!!

Wir denken nur noch von Grätsche zu Grätsche!

Hate the Game, not the Player!
Taktik(tisch)thread |#1512
15.04.2015 - 08:52 Uhr
Zitat von Lullaby
Düsseldorfs Spielaufbau lief größtenteils über lange Pässe auf die Außen oder zweite Bälle, die im Zentrum abgesammelt wurden. Das ist genau die Taktik, mit der man Angriffspressing ausweicht. Wir haben dann direkten Zweikämpfe auf den Außen verloren bzw. sind im Zentrum gar nicht richtig rein gekommen.
Beste Grüße
Lullaby


Dennoch hat Düsseldorf in der 2. Halbzeit nur wenige nennenswerte und meiner Erinnerung nach kein 100% Torszenen rausspielen können. Flankenläufe und Standarts waren ineffektiv und daher in meinen Augen gut verteidigt. Auch die 2. Bälle haben keine wirkliche Gefahr gebracht. Defensiv hat mich gestört, dass die beiden Spitzen keinen Druck auf DD ausgeübt haben wenn diese den Ball kurz vor der Mittellinie kontroliert haben. Wenn ich mit zwei Stürmern spiele und mein Gegner mit langen Bällen agiert, muss mindestens eine Sitze auf den Ballführenden pressen damit dieser in Zugzwang gerät. Durch das passive Verhalten hatten die Düsseldorfer viel zu viel Zeit um die langen Bälle vorzubereiten.

Ich war ebenfalls mit dem Umschaltspiel nicht zufrieden. Nach den (seltenen) Balleroberung ist das Mittelfeld nicht nachgerückt und dadurch waren die Stürmer oft auf sich allein gestellt. Oft 1gg3 oder 2gg4 Situationen.
Da wir nun mal nicht die Ballsichersten oder Ideenrechsten Stürmer in unseren Reihen haben, sind diese Angriffe leicht zu verteidigen und enden mit überhasteten Anbschlüssen oder Ballverlusten. Bei unserem Personal ist es enorm wichtig, dass mindestens 1-2 Mittelfeldspieler schnell umschalten und die Stürmer unterstützen. Ich hatte das Gefühl, dass sich das Mittelfeld zu oft auf die zwei Angreifer verlassen hat und dadurch nicht konsequent nachgerückt sind.

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Wenn ich übers Wasser laufen könnte, dann kämen meine Kritiker und würden sagen: "Nicht mal schwimmen kann er!"
Taktik(tisch)thread |#1513
15.04.2015 - 14:51 Uhr
Wie nennt man eigentlich, die bei uns diese Saison häufig praktizierte, Taktik des Spieleinstellens bei einer Führung? Die Tatsache, dass nach vorne bei einer 1:0 Führung nichts mehr gemacht wird, ist mir diese Saison bei einigen Heim- sowie Auswärtsspielen aufgefallen und ich frage mich, wieso diese Tatsache von unserem Trainerteam nicht versucht wird einzustellen.

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Nur der FCK!!!
Taktik(tisch)thread |#1514
15.04.2015 - 15:00 Uhr
Zitat von Lautrer
Wie nennt man eigentlich, die bei uns diese Saison häufig praktizierte, Taktik des Spieleinstellens bei einer Führung? Die Tatsache, dass nach vorne bei einer 1:0 Führung nichts mehr gemacht wird, ist mir diese Saison bei einigen Heim- sowie Auswärtsspielen aufgefallen und ich frage mich, wieso diese Tatsache von unserem Trainerteam nicht versucht wird einzustellen.


Ich wollte gerade das selbige schreiben.

Es nervt einfach, dass Runjaic während des Spiels keine oder wenige taktische Veränderungen wahrnimmt, bzw. die nicht den gewünschten Erfolg einbringen.

Wir haben jetzt in diversen Spielen späte Treffer kassiert, gerechtfertigt oder nicht, wir haben darum gebettelt, das ist extrem ärgerlich. Ich wünsche mir da einfach mehr Flexibilität.

Heintz für Löwe..auf 4-5-1 umstellen..irgendetwas überraschendes. Wir wissen da auf verschiedene Spielsituationen oft keine Anworten und werden dann dafür bestraft. (später Ausgleich in Aalen, in Heidenheim, gegen Bochum, in Düsseldorf)

Wir kriegen es viel zu selten hin, über 90 Min. eine konstant gute Leistung zu bringen, wir haben zu vielen Höhen und Tiefen im Spiel. Jung..unerfahren..gut, aber das sind die Ingolstädter auch.

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Ich habe so viele Beiträge bei tm.de, ich könnte dein Leben kaufen.
Taktik(tisch)thread |#1515
15.04.2015 - 15:07 Uhr
Grundsätzlich würde bei unseren Spielern ein Kontern nach Führung schon in die Karten spielen - aber das muss dann auch vernünftig umgesetzt werden.
Spieler wie Ring, Zimmer, Matmour, Zoller, Younes oder Gaus sind doch für schnelle Läufe und nutzen von erhaltenem Raum prädestiniert. Aber von schnellem Kontern sieht man bei uns bei Führungen eigentlich kaum was.

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Bellinghausen trieb den Ball auf der linken Seite nach vorne und flankte. McKenna missglückte der Abwehrschlag, der Ball prallte Simpson vor die Füße, der aus elf Metern ins linke untere Eck einschoss (70.).
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"Die Security filzt jedesmal meinen Jutebeutel, aber sie finden nur feinste Demeter-Qualität." __Verkehrtfunk
Taktik(tisch)thread |#1516
15.04.2015 - 15:18 Uhr
Zitat von Mittelschichtler
Zitat von Lautrer
Wie nennt man eigentlich, die bei uns diese Saison häufig praktizierte, Taktik des Spieleinstellens bei einer Führung? Die Tatsache, dass nach vorne bei einer 1:0 Führung nichts mehr gemacht wird, ist mir diese Saison bei einigen Heim- sowie Auswärtsspielen aufgefallen und ich frage mich, wieso diese Tatsache von unserem Trainerteam nicht versucht wird einzustellen.


Ich wollte gerade das selbige schreiben.

Es nervt einfach, dass Runjaic während des Spiels keine oder wenige taktische Veränderungen wahrnimmt, bzw. die nicht den gewünschten Erfolg einbringen.

Wir haben jetzt in diversen Spielen späte Treffer kassiert, gerechtfertigt oder nicht, wir haben darum gebettelt, das ist extrem ärgerlich. Ich wünsche mir da einfach mehr Flexibilität.

Heintz für Löwe..auf 4-5-1 umstellen..irgendetwas überraschendes. Wir wissen da auf verschiedene Spielsituationen oft keine Anworten und werden dann dafür bestraft. (später Ausgleich in Aalen, in Heidenheim, gegen Bochum, in Düsseldorf)

Wir kriegen es viel zu selten hin, über 90 Min. eine konstant gute Leistung zu bringen, wir haben zu vielen Höhen und Tiefen im Spiel. Jung..unerfahren..gut, aber das sind die Ingolstädter auch.


Man darf nicht vergessen, dass wir den Düsseldorfern einfach unterlegen waren. Heintz hätte ich auch
früher für Löwe gebracht, denn der hat ja kaum einen Stich gemacht gegen Erat. Aber sonst, welche
Spieler sollte er denn noch bringen ? Welche Systemumstellung hätte etwas bewirkt ?

Auch sieht man bei unserer Mannschaft nach 70 Minuten fast immer einen Leistungseinbruch wegen
Kraftmangel. Da geht kaum noch einer einen Angriff mit und wir sind fast immer in Unterzahl.

Am Montag sind Ring und vielleicht Demirbay wieder dabei. Dann sieht das vielleicht wieder besser aus.
Taktik(tisch)thread |#1517
15.06.2015 - 13:19 Uhr
Jetzt, da ich aus dem Urlaub zurück bin, außerdem derzeit nichts zu kolumnieren habe, will doch mal den Versuch starten, die Diskussion über Runjaics Art, Fußball spielen zu lassen, in diesen Thread zu hieven. Denn im Trainerthread wird sie meiner Meinung nach zu plump geführt. Mit Aussagen wie „Ballbesitzfußball ist Mumpitz“ kann ich, ehrlich gesagt, nicht viel anfangen.

Als Einstiegslektüre empfehle ich diesen Artikel:

http://www.spiegel.de/sport/fussball/taktik-in-der-bundesliga-der-lange-ball-als-symbol-der-saison-a-1035500.html

Das Interessante für uns sollten eigentlich die Aussagen von Stöver sein, doch natürlich werden notorische Nörgler und Gegner des „Ballbesitzfußballs“ aus dem Artikel auch herauslesen wollen, was ihnen in die Karten spielt: In der Bundesliga fallen die meisten Tore in Europa, auch international ist der deutsche Fußball gegenwärtig so erfolgreich wie lange nicht mehr, wo also ist das Problem? Den Grundstein zum Erfolg legt demnach das „schnelle Umschaltspiel“ das heißt: Im Moment des Ballgewinns versuchen, in den nächsten zehn, zwölf Sekunden zum Torabschluss zu kommen, bevor sich der Gegner defensiv wieder formieren kann.

Ist das nicht möglich, weil sich der Gegner bereits neu ordnen konnte: Langer Ball ins vordere Spieldrittel, dort müssen die Stürmer entweder den Ball direkt annehmen oder auf die nachrückenden Spieler ablegen – oder aber zumindest eine möglichst ungenauen Abwehraktion des Gegners provozieren, damit die nachrückenden Spieler auf den vielzitierten „zweiten Ball“ gehen können, und das wiederum möglichst gut organisiert, mit „Pressing“ eben.

Man vergisst dabei: Wenn zwei Mannschaften beharrlich auf diese Weise gegeneinander kicken, ohne sich zwischendurch mal im gepflegten Passspiel zu versuchen, wird’s langweilig. Denn wenn beide nur so schnell wie möglich die Bälle nach vorne blasen, damit ihnen ja kein Ballverlust zu weit hinten unterläuft, tendiert die Anzahl an Gelegenheiten, mal das toll einstudierte Umschaltspiel zu praktizieren zügig gegen null.

Und die deutschen Mannschaften, die dafür sorgen, dass Deutschland gegenwärtig im internationalen Vergleich so gut dasteht, spielen eben nicht so: Bayern München und die deutsche Nationalmannschaft orientieren sich an dem Kurzpassspiel, mit dem Anfang der letzten Dekade zuerst Barca und dann die spanische Nationalmannschaft für Furore sorgten.

Es handelt sich um eine Weiterentwicklung des „Totalvoetbal“, den in den 1970er Jahren Rinus Michels „erfand“ und den sein Schüler Johan Cruyff dann in Barcelona etablierte, wo seither eigentlich alle fußballerisch ansprechenden Innovationen – eigentlich: Weiterentwicklungen – herkommen. Barcas Organisationsstrukturen bis hinunter in den Jugendbereich, vor allem die durch alle Mannschaften hindurch praktizierten Trainingsmethoden – selbst Kraft- und Fitnesseinheiten sind so konzipiert, dass immer der Ball im Spiel ist – sind einzigartig.

Selbst internationale Spitzentrainer wie Claudio Ranieri sind sich nicht zu schade, sich mal ein paar Wochen als Praktikanten in Barcelona zu verdingen. In Deutschland dagegen hat das anscheinend niemand nötig: Die einzigen Germanen, die in Barcelona mal ein Praktikum absolvierten, sind der heutige Viertligatrainer Lars Leese und ein gewisser Kosta Runjaic. Zumindest ist das der Stand von 2006, den ich einem Artikel von Ronald Reng entnommen habe. Möglicherweise haben mittlerweile ja ein paar Teutonen mehr versucht, ihren Horizont zu erweitern.

In Spanien nennt sich der besagte Spilstil „El Toque“. Im Gegensatz zu dem, was ihm oft nachgesagt wird, hat sich Pep Guardiola übrigens noch nie angemaßt, diesen erfunden zu haben oder gar ein Revolutionär oder Erneuerer zu sein. Tatsächlich lautet einer seiner Leitsätze: „Die Kathedrale hat Johan Cruyff gebaut, Frank Rijkhard und ich halten sie lediglich instand.“

„Tiki-Taka“ ist eigentlich eine Verballhornung von „El Toque“, beziehungsweise dem, was rauskommt, wenn dieser Stil ohne volle Konzentration aller elf Spieler, Aggressivität und Kreativität gespielt wird. Und es ist bezeichnend, dass sich der abwertende Begriff hierzulande besser durchgesetzt hat als der eigentliche.
Was davon zu halten ist, lasse ich den Meister mal am besten selbst erklären, zitiert aus dem Buch „Herr Guardiola“ von Marti Perarnau:

Zitat von Pep Guardiola
»Ich hasse dieses Tiki-Taka. Ich hasse es. Tiki-Taka ist, sich den Ball zuzuspielen, um sich den Ball zuzuspielen, einfach so, ohne Sinn und Verstand. Und das führt zu nichts. Glaubt nicht, was euch erzählt wird: Barca hatte mit dem Tiki-Taka nichts zu tun! Das ist ein Märchen! Hört nicht darauf! Das Geheimnis bei jedem Mannschaftsspiel ist, das Spiel auf eine Seite zu verlagern, damit der Gegner ins Schwimmen kommt. Den Gegner auf eine Seite zu locken, damit er die andere Seite freigibt. Und wenn wir das geschafft haben, dann müssen wir es über diese andere Seite versuchen. Deswegen muss man sich den Ball zupassen, jawohl, aber mit einem Ziel, mit einer bestimmten Absicht. Also: den Ball in den eigenen Reihen halten, um das Spiel zu verlagern, den Gegner auf eine Seite zu locken, und dann über die andere anzugreifen. Das muss unser Spiel sein, und nicht dieses sinnlose Tiki-Taka.«


Das Interessante für uns dabei ist: Selbst Mannschaften auf dem Niveau von Bayern und Barca bekommen die gleiche Kritik zu hören wie der FCK, wenn ihnen ihr Kurzpassspiel zu uninspiriert gerät. Und das nicht nur von Fans, sondern auch von bezahlten Sportjournalisten. Wenn konventionell kickende Mannschaften verlieren, hat’s am fehlendem Biss und mangelnden Ideen gelegen. Wenn Mannschaften, die sich am Kurzpassspiel versuchen, Biss und Ideen vermissen lassen, hat’s jedoch nicht daran gelegen, sondern an der Spielidee und führt zu Kommentaren wie: „Warum so kompliziert, wenn es doch auch einfach geht?“.

Dabei muss jede Spielidee im modernen Fußball mit der vollen Konzentration aller Spieler sowie mit Aggressivität und Kreativität verfolgt. Und „schnelles Umschaltspiel“ und Kurzpassspiel schließen sich auch nicht einander aus. Ersteres sollte grundsätzlich immer versucht werden, wenn es gelingt, im laufenden Spiel den Ball zu erobern.

Es lässt sich auch nicht leugnen, dass der FCK gerade damit zuletzt mit die größten Probleme. Das sollte aber nicht dazu führen, dass man die Runjaicsche Spielidee grundsätzlich verdammt.

Denn wenn das „schnelle Umschaltspiel“ nicht klappt, weil der Gegner genug Zeit hatte, sich wieder defensiv zu ordnen, wird Kurzpassspiel auf Sicht die erfolgreichere Methode sein, zum Erfolg zu kommen, denn die Mannschaften - erst recht die, die sich ihrer spielerischen Unterlegenheit bewusst sind - werden ihre Defensivstrategien immer weiter perfektionieren.

So dass es in einer „Liga der langen Bälle“ gut geschehen kann, dass Aufsteiger wie Köln sich verhältnismäßig souverän den Ligaverbleib sichern, weil sie es schaffen, öfter 0:0 zu spielen als andere – siehe Stövers Kommentar im Link. Oder in der Teams wie Paderborn und Braunschweig, die von ihren wirtschaftlichen und damit einhergehenden personellen Möglichkeiten im Grunde chancenlos gewesen wären, am Ende nur knapp und unverdient scheitern. Oder dass ein Zweitliga-Aufsteiger wie Darmstadt direkt durchmarschiert.

Was in dem oben verlinkten Artikel nicht stimmt, ist, dass nur Bayern und Gladbach versuchen, ihr Kurzpassspiel zu perfektionieren. Auch Wolfsburg tut das sehr wohl und die Dortmunder ist nicht zuletzt deswegen diese Saison abgeschmiert, weil sie außer „schnellem Umschaltspiel“ zu wenig in petto hatten. Rangnick hat’s in Hoffenheim eingeführt, Gisdol wieder aufgenommen, und ab nächste Saison wird’s Rangnick auch in Leipzig kultivieren - dass er Job selbst übernommen hat, nachdem Gisdol und Tuchel absagten, ist bezeichnend. Denn Trainer, die bereit sind, an dieser Spielidee weiterzufeilen, ohne nach zwei, drei Misserfolgen wieder ins 08/15-Schema zu verfallen, sind rar.

Auch Tuchel hatte in Mainz angefangen, Kurzpassspiel zu etablieren, Hjulmand war geholt worden, um die Idee weiterzuführen, und er scheiterte nicht, weil die Idee schlecht war, sondern weil die Mannschaft unter ihm – siehe oben - sie mit zu wenig Biss und Aggressivität verfolgte. Schmidt hatte dann zunächst wieder einfachen Fußball verordnet, versucht jetzt aber auch, die Mannschaft wieder zum Kurzpassspiel zu bringen.

Ich schreibe übrigens beharrlich „Kurzpassspiel“, weil mir die ebenfalls gängige Bezeichnung „Ballbesitzfußball“ auch auf den Zeiger geht - auch wenn ich selbst schon mehrmals gebraucht habe. „Ballbesitzfußball“ impliziert nämlich, dass es Sinn dieser Spielidee ist, einfach nur Ballbesitz zu haben. Das aber ist nicht der Fall. Siehe das Guardiola-Zitat oben.

Womit wir bei der Frage sind: Ist es denn nicht zu vermessen, dass ausgerechnet der FCK sich an der Spielidee der ganz Großen versucht, die zu kopieren selbst Erstligisten der oberen Tabellenhälfte nur nach und nach gelingt?

Kann man so sehen. Ich jedenfalls find’s gut, eine Mannschaft aufbauen zu wollen, die sich vielleicht einmal in der Liga der langen Bälle behaupten kann, ohne dass sie dazu öfter 0:0 spielen muss als andere. Und: zu meinem Leidwesen sind wir schon lange nicht mehr der Verein, der wir mal waren, nämlich der, der aus wenig das meiste macht. Aber wir haben jetzt endlich mal wieder angefangen, etwas anders zu machen als die anderen.

Die meiste Zeit habe ich in der vergangenen Saison sehr gerne unserem Spiel zugeschaut. Dass wir den technisch ansprechendsten Fußball der Liga spielen, bestätigt zudem jeder Zweitligatrainer. Dass wir damit die meisten Großchancen in der Liga herausgespielt haben, ist Fakt, und die mangelnde Effizienz auf die Jugend und Unerfahrenheit zurückzuführen, ist wohl nicht ganz so abwegig, wenn man sich das Durchschnittsalter der Truppe anschaut. Jedenfalls muss sie nicht auf die Spielidee zurückführen.

Widerlegt sehe ich auch den Vorwurf, diese Spielweise wäre zu risikobehaftet, weil der Abwehrverbund nun mal sehr hoch steht und Passspiel über zehn, zwölf Stationen dem Gegner mehr Gelegenheit bietet, den Ball zu erobern, als über drei. Tatsächlich bietet auch „El Toque“ die Möglichkeit zu einer wirksamen Defensivabsicherung. Auch das lass ich den Meister am besten mal selbst erklären:

Zitat von Pep Guardiola
»Ich möchte, dass wir ein paar Meter gemeinsam vorrücken, damit wir nicht getrennt stehen, wenn wir den Ball verlieren. Jede deutsche Mannschaft lässt dich in einen Konter laufen, dass dir die Luft wegbleibt, und wenn wir dann getrennt stehen, werden sie uns überrennen. (...)Wir müssen Schritt für Schritt vorgehen und zusammen vorrücken. Wenn wir dann den Ball verlieren, zack!, haben wir ihn schnell wieder, weil wir eng stehen.«


Wenn gleich zwei Mannschaften dieses „Eng stehen“ praktizieren, um nach dem Ballverlust gleich wieder pressen zu können, rücken alle Spieler auf dem Feld manchmal so eng zusammen, dass das komplette Personal auf einem Viertel des Platzes zusammengepfercht ist. Gut zu beobachten war das beispielsweise im Heimspiel gegen Leipzig, bei dem man einen Lehrfilm für Pressing/Gegenpressing hätte drehen können. Und in dem es dem FCK gelang, auf dieser Enge in der letzten halben Stunde ein klares Plus an Großchancen herauszuspielen - mit der Betonung auf "spielen". Das war insgesamt eine prima Umsetzung der Runjaicschen Fußballvision, die am Ende übrigens nicht mal annähernd die 70 Prozent Ballbesitz auswies, an der sich Herr Briegel aufgehängt hat.

Und was ist mit der Gefahr, "überrannt" zu werden? Schauen wir uns mal die drei zurückliegenden Halbserien an, in denen Runjaic den FCK durchgängig betreute:

Rückrunde 2013/14: 25:21 Tore 26 Punkte
Hinrunde 2014/15: 25:18 Tore 28 Punkte
Rückrunde 20:13 Tore, 28 Punkte

Zeigt: Zuletzt haperte es an der Torausbeute – was natürlich keine überraschende Erkenntnis ist. Aber auch: Wir haben von Halbserie zu Halbserie drei bis fünf Gegentore weniger kassiert, zuletzt 13. In 17 Spielen. Darunter waren drei Elfmeter, von denen zwei brutale Fehlentscheidungen waren. Und zwei Zwirbelfreistöße, die kaum zu verteidigen waren. Anscheinend also klappt das Absichern nach Guardiola-Art beim FCK mittlerweile ganz gut, und ich sehe keinen Grund, weshalb diese Linie nicht weitergefahren werden sollte.

Natürlich muss man jetzt abwarten, ob diese Kontinuität auch nach den nun anstehenden personellen Veränderungen erhalten bleibt.Und natürlich haben auch mich die zwei vierten Plätze in Folge angekotzt, aber da sollten wir uns mal in den Garten unserer wenn auch ungeliebten Nachbarn schauen: Die sind drei Mal saudumm am Aufstieg vorbeigeschrammt, haben aber nie den Glauben daran verloren, dass das, was sie da aufbauten, gut war.

Und natürlich geht auch mir die ewige Tiefstapelei unseres VV auf den Sack, ebenso die Art und Weise, wie sich Runjaic nach dem Saisonfinale in diversen Interviews verkauft hat. Aber da kann man auch mal nachsichtig sein. Vielleicht kam auch er einfach nicht mit seinem Frust klar.

Insgesamt aber sehe ich den FCK aber nicht nur auf einem sehr spannenden, aber auch Erfolg versprechenden Weg, und ich hoffe, dass er auch weitergeführt werden kann, wenn Runjaic uns verlässt. Denn das wird früher oder später der Fall sein: Denn so sehr ich fachlich von ihm überzeugt bin – ein „Herzblut“-FCK’ler ist er nicht.
Besonders gespannt bin ich in der kommenden Saison auf den Rückkehrer Halfar, denn diese Art Fußball ist genau sein Ding. Vielleicht kriegt seine Karriere mit 27 nun doch den entscheidenden Kick, der ihn zu dem Spieler macht, der er vom Talent her schon seit fünf Jahren sein könnte.

Ich weiß, das ist jetzt ein ziemlich langer Erguss. Hat sich halt alles aufgestaut in einer Woche herumlatschen, am Strand liegen und lesen auf Kos. Hoffe, es gibt dazu ein paar interessante Statements von Euch. „Gähn“, wär mir, ehrlich gesagt, als Kommentar ein bisschen dürftig.

Gruß,
Kohlmeyer

•     •     •

"Du kannst auf deinen Verein stolz sein, aber eigentlich nicht auf die Tatsache, ein Fan dieses Vereins zu sein. Denn die Fan-Werdung vollzieht sich bekanntlich ähnlich wie die sexuelle Orientierung: Da kommt etwas über dich, das du nicht beeinflussen kannst. (...) . Du kannst deinem Verein nicht einfach die Gefolgschaft kündigen. Du kannst deinem Verein nicht den Tritt versetzen. (...) Du kannst deinen Verein nicht einfach loslassen, denn er hält an dir fest."
Thomas Brussig
Taktik(tisch)thread |#1518
15.06.2015 - 13:55 Uhr
Wenn ich werten dürfte, würde ich es jetzt tun, Kohli. Lachend

Gruß aus der Pfalz
Taktik(tisch)thread |#1519
15.06.2015 - 14:01 Uhr
bemerkenswerter Beitrag!
Taktik(tisch)thread |#1520
15.06.2015 - 14:23 Uhr
@ Kohlmeyer:
a. mich würde jetzt noch interessieren ob du ohne Abstriche dein Statment auch auf Liga 2 überträgst?
b. eine Kritik an CR muß ja nicht zwingend immer nur an seiner Spielphilosphie ausgerichtet sein; man könnte auch sagen
b.a. Spielphilosophie ist gut aber die Umsetzung von CR ist unzureichend.
b.b. Spielphilosphie ist gut nur leider haben wir nicht alle für die Umsetzung der Taktik notwendigen Spieler, insbesondere der Sturm passt nicht und daher passen kaderplanung und Taktik nicht zusammen
c. ist es nicht besser für jedes Spiel die richtige Taktik zu haben, als jedesmal dem Dogma einer Spielphilosophie nachzulaufen, die man eh nicht erreichen kann.
d. in Liga 2 gewinnt man nicht, wenn man die besere Spielphilosophie hat, sondern die besseren Einzelspieler, insbesondere dann wenn man gesetzter Favorit ist .

Ich persönlich habe letztlich zu wenig Ahnung um dies wirklich mit aller Bestimmtheit sagen zu können. Nur denke ich nicht, daß man mit der richtigen Spielphilosphie dann auch zwingend aufsteigt. Wir waren doch als wir aufgestiegen sind eher in einer Position wie Darmstadt. wir waren froh, daß wir 2008 überstanden haben und haben dann mit einem ganz guten Kader (der aber bei weitem von den Namen nicht so gut war wie Bielefeld damals) völlig befreit aufgespielt. Und als der Aufstieg dann plötzlich möglich war, haben wir zugegriffen. Da war dann auch die Gier (wenn der Aufstieg schon in greifbare Nähe war) den Checkpot auch zu knacken. Und da waren auch viele Spiel die äußerst unansehnlich waren.

Ich will nicht die Spielphilosohpie von CR kritisieren. Mir gefällt das Spiel auch besser als unter Foda. Nur was hier wie bei Foda einfach fehlt ist der absolute Wille das Ding einzufahren. Und der fehlte. Und noch schmerzhafter, man hat einfach geleugnet, daß man enttäuscht war. Man war zufrieden. Sorry. Scheiße ist das. Man will doch am ende immer gewinnen. Warum darf man sich nicht ärgern und das auch zeigen. Alle hätten das gedurft. Fans, Mannschaft, Trainer und Vorstand. Aber nein. Am Ende wird alles relativiert.
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